"Erfahrung Afrika"(1)

Das Buch im

Zebrastreifen Verlag

Marokko/Mauretanien

Das Buch im

Zebrastreifen Verlag

An der Strasse von Gibraltar liegt das südliche Ende aller vertrauten Reiseziele. Hinter uns liegt Europa. Vor uns: Afrika. Der Schwarze Kontinent. Nur einen Steinwurf weit entfernt, jenseits der schmalen Wasserstrasse türmen sich die Felsmassen des Atlasgebirges auf. Und dennoch, die wenigen Kilometer an das andere Ufer des Mittelmeers sind die grösste Distanz, die man als Reisender zurücklegen kann. Die natürliche Barriere der See verhindert einen fliessenden Übergang der Kulturen. So bleibt keine Zeit, sich an Afrika heranzutasten. Die Gesetzte des arabischen, des afrikanischen Lebens zu verstehen, dafür bräuchte der Europäer Zeit, viel Zeit. Die hat er aber nicht, denn bereits im Hafen von Tanger beginnt der Kampf ums "Überleben"...

Das erste Mal betreten wir afrikanischen Boden. In Tanger haben wir gleich die ersten bitteren Pillen zu schlucken. Lange Zeit glauben wir fest daran, ohne Schmiergeld den Hafen verlassen zu können. Aber das System, wer wen zahlt und was damit verursacht wird, ist so ausgeklügelt, dass auch wir kapitulieren und zahlen. Nachdem wir als letzte von der Schiffsladung übrig geblieben sind, ergreift uns doch die Panik, die Nacht im Hafen verbringen zu müssen. Sehr teuer kommt uns die Bestechung nicht und wir haben jenseits des Schlagbaums wenigstens alle Papiere zusammen. Andere Reisende sind hingegen noch lange damit beschäftigt, ihren Pass oder die Fahrzeugpapiere wieder aufzutreiben, die mitsamt dem Schlepper (käufliche Vermittler) "abhandengekommen" sind. Nur gegen weitere, erhebliche Geldzahlungen lassen sich ihre Papiere wieder auftreiben. Der Zoll in Tanger ist unsere Feuertaufe für Afrika.

Fez und Marrakech gefallen uns ganz gut. Durch die Städte können wir dank abgerissener Kleidung recht ungestört wandern; unbeachtet von Bettlern und selbsternannten Stadtführern. Nur selten laufen wir fanatischen Souvenir-verkäufern in die Arme. Die Einladung zum Glas Tee führt in Marokko zwangsläufig zum Verkaufsgespräch in den Teppichladen. Kein Kontakt findet ohne Hintergedanken statt. Jedermann will auf unsere Kosten ein Geschäft abschliessen. Das nervt uns. Zuviel wird es, als uns die Händler beschimpfen, mit dem Glas Tee auch ihre Freundschaft abzulehnen.

Fez, Gerbereien

Die Gerbereien von Fez

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In den Gassen von Fez

"Willst Du nicht mein Freund sein, bist Du mein Feind." Einer wünscht uns sogar nach Algerien, dort würden "Ausländer wenigstens erschossen". Für diese Geschäftsleute finden wir den Namen "Touristenjäger" sehr passend.

Dades

Auffahrt in der Dades-Schlucht

Auf dem Weg durch Dades und Todra Schlucht - die landschaftlich wirklich sehenswert sind - versucht die Bevölkerung in den Dörfern mehrfach, uns mutwillig irrezuleiten. Auf dass wir mit dem Wagen in eine Sackgasse geraten, wo dann genügend Zeit bleibt, uns etwas abzuschwatzen. Noch öfter versuchen Kinder und Jugendliche in den langsamen Passagen der Dörfer von hinten auf den Wagen aufzuspringen, um etwas vom Dachgepäckträger zu zerren.

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Todra

Ausgang der Todra-Schlucht

Marokko überfordert uns. Bald wollen wir mit niemandem mehr Kontakt haben. Die wenigen Lichtblicke beschränken sich auf Bekanntschaften mit älteren Männern und Frauen, aber der jüngere Teil der Bevölkerung ist auf der Jagd. Was für ein Glück, dass wir nie einen Probeurlaub für Afrika nach Marokko unternommen hatten.

Wir wären nie wieder gekommen!

Ait Benhaddou

Das eindrucksvollste Beispiel der Berberkultur: die Kasbah Ait Benhaddou

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Mauretanisches Wüstentaxi (die 16 Fahrgäste konnten nur mit Hilfe von aussen wieder aussteigen)

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Eine sandgestrahlte Stahlkette markiert das Ende des von Marokko beanspruchten Territoriums. Im Morgengrauen erhalten wir unsere Pässe wieder und werden mit dem guten Rat, "immer geradeaus fahren", ins Niemandsland entlassen. Nach dieser Wegbeschreibung sollten wir auf die alte Steinpiste der Spanier treffen, die uns zum mauretanischen Grenzposten führt. Die Soldaten schicken uns sprichwörtlich in die Wüste. Wie ein glitzernder Strom schlängelt sich die Blechkarawane durch die Sanddünen. Jedermann hält Ausschau nach der richtigen Piste. Am mauretanischen Posten formiert sich der Konvoi neu. Wir warten erneut. Diese endlose Warterei. Die Sonne wandert zum Zenit und senkt sich bereits wieder. Wir liegen im Schatten des Wagens und hoffen auf die Gnade der Uniformierten, uns in ihr Land einzulassen. Da Marokko und Mauretanien im Streit über die Westsahara liegen, erkennt Mauretanien die heutige Grenzziehung nicht an. Aus diesem Grund kann man zwar offiziell aus Marokko ausreisen, aber nicht nach Mauretanien einreisen. Einreise hiesse Akzeptanz der bilateralen Gegebenheiten. Zur diplomatischen Lösung werden wir als politische Flüchtlinge aus dem Niemandsland entgegengenommen. Ein Soldat läuft mit seinem Helm den Konvoi ab, auf der Suche nach Geschenken für den Wachhabenden und sein Wohlwollen. Einige Kugelschreiber, kleine Münzen, Kaugummis und anderer Müll landen in dem Helm. Eigentlich eine Beleidigung. Aber die Autoschieber wissen, bei wem sie bezahlen müssen.

Mauretanien Küste

Wasser und Wüste

Der Sturm zerrt unerbittlich an unserem Zelt. Der Windschutz, den wir noch am letzten Tag in Spanien erstanden hatten, liegt bereits geknickt im Sand. An der schmalen Trennlinie zwischen Sahara und Atlantischem Ozean wollten wir die ersten traumhaften Strände Afrikas geniessen. Die geographischen Voraussetzungen, hier in Mauretanien ein Naturparadies zu finden, sind ausgezeichnet. Von Osten her reichen die Dünen der Sahara bis an das Meer heran. Ihre feinen Sandkörner rieseln direkt in die kalten Fluten des Atlantik. Nur an wenigen Stellen auf dem Globus kann man den endlosen Kampf zweier Elemente so lebendig erfahren wie an dieser Küste.

Die wenigen Meter, die sich die Wüste bei Ebbe auf den Strand ausdehnt, trotzt ihr wenige Stunden später -bei Flut- das Wasser des Ozeans wieder ab. Der Streit um den dünnen Streifen Land wiederholt sich in unabänderlichem Rhythmus, seit es Wasser und Land gibt.

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Mauretanien Küste

Nachtlager zwischen den Elementen

Zieht sich das Meer zurück und gibt einen Teil seiner Beute preis, wagt sich der Mensch hervor. Während der Ebbe dient der Strand dem "homo oeconomicus" als Handelsweg. Für kurze Zeit kann er tollkühn mit seinen Fahrzeugen über die grosse Bühne der Naturgewalten seinen Weg nach Süden nehmen.

Unser Ziel in Nouakchott ist klar. Wir müssen zur Mercedes-Benz Werkstatt. Der Geländewagen macht uns seit Tanger Schwierigkeiten. Was es genau ist, müssen wir erfragen. Ich habe von Automechanik herzlich wenig Ahnung. Nur die Symptome geben mir sehr zu denken: immer weiter fallende Motorleistung bei ständig steigendem Ölverbrauch. Aber was mich wirklich beunruhigt, ist das aus dem Kupplungsgehäuse tropfende Motoröl. Jeden Abend bildet es eine grössere Lache unter dem Wagen.

Noch erschlagen von der Kenntniss des Motorschadens werden wir bei Mercedes aufgehalten. Der Pförtner will uns nicht ausfahren lassen und weist mit seinem knochigen Zeigefinger zurück. Ich blicke über den Hof und werde von der gleissenden Sonne geblendet, die an den Wellblechtoren der Werkhallen reflektiert wird. Die vom Wind bewegten Umrisse eines Mannes kommen auf uns zu. Aus dem Licht tritt er zu uns in den Schatten: "Der Prinz aus dem Maurenland".

Sidi Ahmed ould El Goul Jabar, genannt "le grand Mohammed", stellt sich der junge Mann vor, der wohl gerade zwanzig Jahre alt ist. Gekleidet mit einem edel bestickten Kaftan, den Kopf in einen Chech gehüllt, können wir von ihm nur die Nase und den schmalen Schnauzbart über seinem Mund erkennen. Seine Augen bleiben hinter einer modischen Sonnenbrille verborgen. Er hätte von unserem Problem gehört, spricht uns Mohammed in akzentfreiem Englisch an. "Für die Dauer der Reparatur könnt Ihr im Gästehaus meines Vaters wohnen." Wir beäugen ihn misstrauisch. Die Touristenjäger in Marokko waren uns eine Lehre. Ich schaue Joly fragend an. "Sollen wir ihm vertrauen und ihm folgen?" Er versucht, uns zu überzeugen. Wie sein Vater, will er ein Freund aller Europäer sein und uns helfen. Sein makelloses Auftreten, mehr aber noch sein nagelneuer Mercedes Geländewagen, lassen uns zumindest hoffen, nicht einem Strauchdieb in die Fänge geraten zu sein. Wir willigen ein, uns das Gästehaus anzusehen.

Etwas ausserhalb des Zentrums liegt das Gästehaus. Es ist in der kantigen, für moderne arabische Städte typisch schmucklosen Bauweise errichtet. Umgeben von einer hohen Mauer, liegt das eingeschossige Gebäude auf einem verwahrlosten Grundstück. Abgesehen von einem verkrüppelten Baum ist der staubige Hof leblos und leer. Durch die weisse Fassade des Hauses laufen etliche breite Risse. In der Nähe des Eingangs liegen einige Beton- und Steinbrocken. Wie bei allen anderen Gebäuden der Stadt fragen wir uns, ob das Haus halb fertiggestellt oder bereits wieder halb eingerissen ist.

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Nouakchott

Nachtlager im Gästehaus

"Dies ist eines von 25 Häusern meiner Familie in dieser Stadt. Für die Dauer Euerer Anwesenheit ist es Euer Haus. Der Hausmeister heisst Ahmed und steht zu Eurer Verfügung." Das klingt wie im Märchen. Aber wie alle Märchen, ist auch dieses nicht wahr. Wir treten in das "Gästehaus" ein und schauen irritiert um uns. "Ist dies eine Baustelle oder wird das Haus tatsächlich morgen abgerissen?" In den meisten Zimmern türmen sich Bauschutt, Schrott und zerbrochene Haushaltswaren. Die pompösen Kronleuchter hängen völlig zerstört von den Decken; gleich meterweise sind Wände und Böden aufgerissen. Stolz werden uns aber alle Zimmer gezeigt. Wir nehmen den kleinsten Raum. Er ist frei von Bauschutt und scheint auch schon einmal gefegt worden zu sein. Die Fenster sind vergittert, die Türe hat aber kein Schloss mehr. "Keine Sorge, Ahmed wird in Euerer Abwesenheit über Euere Habseligkeiten wachen." Also gut, die Umgebung werden wir für einige Tage ertragen können. Die Unterkunft ist kostenlos und scheint zudem sicherer als der Campingplatz zu sein. Wir entladen den Wagen und stapeln Säcke, Kanister, Aluminiumkisten, Sandbleche und die restliche Ausrüstung in dem kleinen Zimmer.

Rosso. Der Grenzort zum Senegal. Wir haben Mauretanien hinter uns. Wie Joly im Tagebuch vermerkt, "unseren ersten Alptraum überstanden". Es bleibt uns gerade noch Zeit, billig aufzutanken, dann fahren wir in den Zoll. Während ich nur fünf Minuten brauche, alle Formalitäten abzuwickeln, hat Joly alle Hände voll zu tun, sich der schmierigen Zöllner zu erwehren, die gerne unsere Schlafsäcke, das Fernglas oder auch den Fotoapparat hätten. In ihrem fiebrigen Zustand ist das ein fast aussichtsloses Unterfangen. Nachdem ich bereits alle Stempel habe, schicke ich die gierigen Fragesteller zum Teufel und fahre auf die Flussfähre.

 

 

4)

Rosso

Der letzte Blick zurück nach Mauretanien. Für immer!

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