"Erfahrung Afrika"(6)

Das Buch vom

Zebrastreifen Verlag

Kongo

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Zebrastreifen Verlag

Das erste Mal, dass wir etwas von Reisen in den Kongo gehört hatten, liegt schon eine Weile zurück. 1994 trafen wir in Spanien einen Motorradfahrer, der gerade von dort kam.

„Aus dem Kongo? Meine Güte, wo liegt das überhaupt?"

Viel Zeit ist vergangen, bis wir uns selbst in den Urwald wagten. Achtzehn weitere Monate vergehen, bis wir diese Zeilen niederschreiben. Für die Republik Kongo war es eine harte Zeit. Sechs Monate Machtkampf in der Hauptstadt Brazzaville haben das Land zerstört. Und selbst in den abgelegenen Gebieten des Landes ist nicht alles so friedlich geblieben, wie wir es erleben durften. Im März 97 wurde genau auf der Route, die wir nahmen, ein englischer Reisender unter nie geklärten Umständen von der Polizei erschossen. Aber leider sind auch diese unberechenbaren Entwicklungen kennzeichnend für Afrika.

Jede Brücke muss gesichert werden

Am Ende des zweiten Tages erreichen wir den Fluss Léle. Knapp 400 Kilometer nach Yaoundé die Stelle, an der bisher eine zerbrochene Brücke jegliche Weiterfahrt verhinderte. Und tatsächlich, der Übergang wurde von den italienischen Goldsuchern repariert. Neue Holzstämme überbrücken den Haupt-strom des Léle. In der Trockenzeit kann das Wasser nun wieder überquert werden. Während der Regenzeit ist die Strecke aber weiterhin unpassierbar. Die beiden Brükken, die das Überschwemmungsgebiet überspannen sollten, liegen unverändert zerstört am Boden. Wir übernachten bei einem Militärposten. Die Soldaten sind gastfreundlich, belächeln uns aber. „Mit so kleinen Fahrzeugen ist die weitere Strecke nicht zu schaffen. Zu wenig Bodenfreiheit, zu viel Schlamm. Und das grosse Matschloch erst!" Es regnet die ganze Nacht hindurch. Der Boden ist aufgeweicht und doch sind wir optimistisch und freuen uns auf die erste richtige „Schlammschlacht". Vor der Abfahrt ziehen wir noch unsere vier Schneeketten auf, dann geht es zurück auf die Piste. Die Ketten bremsen natürlich unsere Geschwindigkeit. Aber von „Geschwindigkeit" reden wir in den nächsten Wochen sowieso nicht mehr.

1)

Nach sechs abenteuerlichen Kilometern folgt das erste Schlammloch. Es ist bodenlos. Über anderthalb Meter tief steht die braune Brühe in der abflusslosen Passage. Uns bleiben nur zwei Optionen, wenn wir nicht umdrehen wollen. Mit Schwung mitten hindurch oder langsam aussen herum. „Schlagen wir besser eine Umfahrung durch das Unterholz. Das ist sicherer." Die Aufgabe kostet uns einen halben Tag Arbeit, obwohl uns zwei Pygmäenfrauen energisch helfen. Barfuss, nur mit T-Shirt und Wickeltuch bekleidet, stehen sie mit uns im Dreck, schaufeln, hacken und sägen. Wir können nur staunen, mit welcher Kraft und Ausdauer die beiden zierlichen Personen arbeiten. Sie sind froh, etwas Geld verdienen zu können, haben sie doch ihren Stamm verlassen, um sich auf dieSuche nach einem neuen Leben zu begeben. Den anderen halben Tag verbringen wir damit, Gustav wieder aus dem Schlamm zu ziehen. Die Umfahrung war nicht breit genug...

Das ist das "echte" Afrika: Schlamm bis zu den Kniekehlen

Kaum zu glauben: die paar Bretter halten 2.5 Tonnen stand

 

Der Weg wird zu einem Pfad. Der Zustand der Brücken ist katastrophal. Jede Brücke muss begutachtet und verstärkt werden. Wir wünschen uns „ein Himmelreich für eine Motorsäge!" Auch dieser Seufzer vergeht ungehört im Dickicht. Beim Streit mit der Natur bleiben wir auf unsere Muskelkraft angewiesen. Am Abend sind wir völlig ausgelaugt. Die Stimmung erreicht einen neuen Tiefpunkt. Wir giften uns alle an. So schwierig und langwierig hatte sich keiner die Strecke vorgestellt. Für kaum zweihundert Kilometer haben wir eine volle Woche gebraucht.

2)

Geschützt durch unsere Ahnungslosigkeit, was noch alles auf uns zukommen sollte, bleibt uns nur die Hoffnung, dass der nächste Tag besser wird, der Tachometer bis zum nächsten Abend mehr Kilometer als am Vortag zählen wird. Mit diesen Gedanken fallen wir nicht nur heute Abend in einen schweren, traumlosen Schlaf. Wie ungemütlich unser Lager in dem kleinen Auto ist, merken wir schon gar nicht mehr. Aber Platz, das Bodenzelt aufzubauen, gibt es weiterhin nicht. Der undurchdringbare Wald weicht nicht einen Zentimeter von unserer Seite. Wir bleiben mit den Fahrzeugen einfach in der Spur stehen und warten auf den nächsten Tag.

Kongolesischer Reiseproviant

Verlassenes Pygmäendorf

Bei Liouesso überspannt eine grosse Betonbrücke den Lengoué Fluss. Die Piste führt in den Ort hinein, aber nicht mehr heraus. Wir fragen und suchen nach der Weiterfahrt. Nur Fusswege führen nach Süden aus dem Ort heraus. Bis hierhin reichte das Geld, die Piste auszubauen. Dann versickerten die finanziellen Mittel im Sumpf des tropischen Waldes und in den Taschen korrupter Staatsdiener. In der letzten Stunde des Tages schaffen wir gerade noch fünf Kilometer. An zwei kleinen Hütten bitten wir um Erlaubnis, über Nacht bleiben zu dürfen. Das jüngste Kind der Pygmäenfamilie hat Malaria. Wir überlassen den Eltern Medikamente und erklären deren Anwendung. Dabei ist es gar nicht so einfach, jemandem zu erklären, in welcher Reihenfolge wann, wie viele Tabletten genommen werden sollen, wenn diese Person keine uns bekannte Sprache spricht und nicht zählen kann.

3)

Gegen Mittag fahren wir durch ein kleines Dorf. Hier treffen wir zum dritten Mal auf eine junge, hochgewachsene Frau, die auf ihrem Rücken 20 Liter Schnaps durch den Urwald trägt. Die einzige Ware, die teuer genug verkauft werden kann, dass sich ein Transport lohnt. Wir waren bisher mit dem Wagen gerade so schnell wie sie. Jetzt überholt sie uns. Im Dorf liegt auch der dritte abgewrackte Mercedes-Geländewagen, den wir im Kongo sehen. Im Motorraum sind noch alle wichtigen Teile vorhanden. Ob Einspritzpumpe, Hydraulikpumpe oder Anlasser, alles billige Ersatzteile, die geduldig auf eine neue Aufgabe warten. Und dieser Geländewagen besitzt noch seinen Tank! Für ein T-Shirt, etwas Geld und einige Zigaretten wandert das neue Behältnis auf unser Dach. Welch ein Glück. Für den Landrover nehmen wir noch eine der Vorderachsfedern mit. Die ist zwar etwas kleiner als die Original Feder, aber der Tausch ist auf jeden Fall besser, als mit der gebrochenen Feder weiterzufahren.

Familienbild vor abgewracktem "G"

Die Tage vergehen. Aufstehen! Äste sägen, Büsche schneiden, Brücken verstärken, Ameisen jagen, Schlammlöcher entwässern. Wir essen, duschen, schlafen. Aufstehen! Einzige Neuigkeit ist das Ableben unseres kleinen Trinkwasserfilters, mit dem wir uns jeden Tag mühsam Wasser „gepumpt" hatten. Die Dichtung der Handpumpe ist aufgerieben. Alles weitere Trinkwasser müssen wir auf dem Benzinkocher abkochen. Am Ende dieser drei trostlosen Tage weist Gustavs Tachometerstand fünfunddreissig Kilometer mehr auf. Wir sind mitten im Wald, kein Dorf, kein Mensch ist zu sehen. Aber es muss hier Menschen geben. Wir finden ihre Tierfallen. In die erste wäre ich fast hineingerannt, da sie mitten auf dem Fusspfad ausgelegt war. Wir entschärfen die Fallen, indem wir einen Ast in die Schlinge werfen. Worauf das Holzstück über einen Mechanismus in der Baumkrone landet. Wir lernen die Hinweise auf die Fallen zu lesen. An Stäben sind eingerollte Blätter als Warnung befestigt. Am Ende des Hohlweges sehen wir manchmal einen Schatten vorbeihuschen, aber Kontakt zu diesen Waldmenschen bekommen wir nie. Dann ist selbst der Fussweg blockiert.

Matsch, Matsch, Matsch

4)

Auf einer Fläche von gut einem Hektar ist der Wald gerodet. Äste und Büsche sind achtlos auf den Weg geworfen. Das grosse Matschloch vor uns ist mit Pflanzenresten aufgefüllt. "Wie sollen wir das beseitigen?" Die vertrockneten Lianen und Dornenbüsche reagieren wie Gummi auf die Hiebe mit den Macheten. Die Idee, den ganzen Krempel anzuzünden ist schneller da, als wir darüber nachdenken können. Und Joly sagt noch..., da brennt auch schon das ganze Areal. Uns wird angst und bange. Was für eine schwachsinnige Idee. Wir setzen mit den Wagen zurück in den Wald, versuchen zunächst noch zu löschen, dann brennt der erste Baum. Die abgeschlagenen Schlingpflanzen brennen wie Zunder. Dreissig Meter hoch schlagen die Flammen. Der Wald brennt! Genau bis zur Grenze der Abrodung. Dahinter ist das Gehölz zu nass und das Feuer verliert seine Macht. Nun tauchen auch Menschen auf. "Was werden wir wohl zu hören bekommen?" Aber wir werden noch mit Orangen beschenkt und alle scheinen sich zu freuen, dass die Brandrodung so gut geklappt hat. Das Geäst auf dem Weg, hat das Feuer natürlich unbeschadet überstanden. Wir brauchen noch den ganzen Nachmittag um den Weg frei zu räumen, fahren uns dann noch zweimal in dem Matschloch fest; ein traumhafter Tag. Ein Alptraum.

Der Wald brennt

Am Ende unserer Kräfte erreichen wir den Lékoli Fluss. Nachdem wir Aufmerksamkeit erregen können, macht sich am anderen Ufer ein junger Mann auf den Weg ins Dorf. Bald darauf werden Steve und ich vom Fährmann in einer Piroge abgeholt und auf die andere Flussseite gebracht. Dort können wir das Desaster aus der Nähe betrachten.

5)

Die Fähre besteht aus sechs Pontons und wurde bei Hochwasser angelandet. Der Wasserspiegel ist gefallen und zwei der Pontons blieben auf der Betonrampe liegen. Dazu ist die flussseitige Auffahrrampe steil ins Wasser gestreckt und hat sich durch die absinkenden Schwimmkörper fast einen Meter tief in den Uferschlamm gebohrt. Wir holen Wagenheber, Schaufeln, die Winden und heuern acht weitere Einheimische an. Dann beginnt die Arbeit. Die Männer graben unter Wasser die Rampe etwas aus und wir versuchen, sie mit dem 1,6 Tonnen Greifzug anzuheben. Ein Versuch nach dem anderen scheitert. Die Winkel, über die wir die Kraft anbringen können, sind zu ungünstig. Also tiefer graben und einen neuen Ansatz für die Winde suchen. Rhythmisch singend und unter dem antreibenden Befehl des Fährmanns, stemmen sich die Männer immer wieder in die Hebel. Den Metallklotz lässt das völlig ungerührt. Die Fähre hält ihre Stellung und weicht keinen Millimeter. Die Männer schreien ihre Wut heraus. Neue Hebel werden gefertigt, andere Ansatzpunkte gesucht. "Jetzt" Die konzentrierte Muskelkraft von zehn Männern lässt endlich die verrostete Eisen-konstruktion erzittern. Der erste Zentimeter auf dem Weg zum Wasser ist vollbracht. Die Männer aus dem Dorf jubeln mehr als wir. Sie hatten wohl geglaubt, das Boot nicht mehr bewegen zu können.

< wackelige Fahrt auf dem Lékoli

Schwimmender Schrotthaufen

Zum Mittag ist die Fähre zur Überfahrt bereit. Im freien Wasser müssen vier Mann ununterbrochen Wasser aus den Schwimmkörpern schöpfen. Durch die unzähligen, mit Lehm oder Bambus verstopften Rostlöcher dringt dennoch mehr Wasser ein, als die Männer herausbringen können. "Mit diesem Schrotthaufen bleiben uns, wenn überhaupt, nur wenige Minuten für die Überfahrt." Auch der Fährmann treibt zur Eile.

6)

Geführt an einem altersschwachen Stahltau, überwinden wir die starke Strömung. Die Fähre knarrt und ächzt. "Wenn das Kabel bricht, dürfen wir die Wagen aus dem Atlantik fischen." Bei aller Hektik müssen wir die Fahrzeuge äusserst vorsichtig auf das Boot fahren. Ohne Befestigungspunkte am Ufer besteht das Risiko, das schwimmende Wrack beim Auffahren von Land zu drücken und mit den Wagen im tiefen Wasser des Lékoli zu landen. Beide Autos müssen gleichzeitig übergesetzt werden. "Für eine zweite Tour ist keine Zeit." Der erste Ponton ist seit einigen Minuten mit Wasser gefüllt. Auf halber Rückfahrt ist bereits der zweite Ponton vollgelaufen. Unser Fährmann gewinnt den Wettlauf mit dem nassen Element. Die Männer sind glücklich und ausgelassen. Auch bei uns löst sich langsam die Anspannung und ein leises Lächeln huscht über unsere Gesichter. „Es ist geschafft." Unsere Freude hält, bis Anatol Okala, der Bruder des Fährmanns, uns erklärt, was die nächsten eintausend Meter Strecke für uns bereithalten. Wir brauchen den ganzen Tag, diesen einen Kilometer bis zu seinem Dorf zu bezwingen. "Hiess es nicht, über sieben Brücken musst du gehen?" Von zwölf Brücken war nie die Rede.

 

Und hinüberfahren ist dann noch etwas ganz anderes als hinübergehen....

Achtung ! Nach unserem Wissen ist die beschriebene Strecke heute nicht mehr passierbar !

Im July 2000 war der Weg für Autoreisende auf der Westroute nur bis Gabun offen, dann folgen Verschiffung für den Wagen und Flug für die Passagiere. Dass das aber nicht weniger abenteuerlich ist, lest Ihr hier:

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