"Erfahrung Afrika"(9)

Das Buch vom

Zebrastreifen Verlag

Namibia

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Namibia, das ehemalige Süd-West Afrika bedeutet für von Norden kommende Reisende den Eintritt in eine andere Welt. Spätestens mit dem Tierseuchenzaun bei Grootfontein lässt man Afrika hinter sich. Das ungestüme Leben Afrikas entlang der Strasse weicht einem nicht enden wollenden Stacheldraht. Namibia - obwohl mitten in Afrika - liegt irgendwo zwischen altdeutscher Tradition und amerikanischem Südwesten. Während Bäckereien, Einkaufspassagen und Thermalbäder uns zunächst noch irritieren, verzaubern die endlosen, atemberaubenden Landschaften jeden Betrachter mit ihrer Einsamkeit. Die Faszination Namibias findet sich in Landschaften, die bis zum Horizont frei von menschlichen Einflüssen ist.

Wir finden einen erhabenen Platz für die nächsten Tage. Die einsamen Abende am Hoba Meteoriten werden wunderbar. Der sechzig Tonnen schwere Eisenklotz aus dem All ist zwar nicht so umwerfend aussergewöhnlich in seiner optischen Erscheinung, dennoch übt das Metall eine unsichtbare Anziehungskraft aus. Nach Sonnenuntergang auf dem Meteoriten zu liegen und in den unglaublichen Sternenhimmel zu blicken, ist ein Erlebnis. Von Horizont zu Horizont, in alle vier Himmelsrichtungen, erstreckt sich der Glanz der Gestirne. Das von der Sonne aufgeheizte Metall hält uns noch eine Weile warm und entführt uns hinaus in den Weltraum. Die sichtverzerrende Hülle der Atmosphäre scheint zu weichen. Unser Blick wird frei für eine Reise auf die andere Seite des Universums. "Woher mag dieser Himmelskörper wohl gekommen sein?" "Wie weit war seine Reise, bis er hier zur Ruhe kam?" Wir halten uns fest und träumen. Nach einer Weile wird uns der Meteorit zu hart zum Liegen. Wir verlassen unser Sternenbett. Während unsere Gedanken im Zauber Afrikas versinken, entkrampfen sich unsere müden Glieder auf den weichen Schaum-stoffmatten. Wir schlafen tief und fest. Beruhigt, eine neue Faszination des schwarzen Kontinents gefunden zu haben.

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Erstklassige Naturpisten auf dem Weg zum Waterberg Plateau-Park

An Gustavs Vorderachse sind umfangreiche Arbeiten fällig. Wir wechseln die Rad- und die Achsenlager. Ebenso ist der Lenkungsdämpfer völlig hinüber. Wir hätten ihn im Schlamm besser ausbauen sollen. Gustav bekommt zudem eine neue Kupplungsdruckplatte spendiert, nachdem in Mauretanien nur die Reib-scheibe gewechselt worden war. Anfang Juli sind wir mit Gustav zum zweiten Teil unserer Afrikareise bereit. Dem abenteuerlichen Teil sollte nun der touristische Teil folgen. Nachdem uns Namibia in den ersten Tagen schon so gut zum Reisen gefallen hat, beschliessen wir, unser bisheriges Vorhaben, Afrika nach einem Jahr bereits wieder zu verlassen, aufzugeben. Wir werden so lange in Afrika bleiben, bis wir das gesehen haben, was wir wollen oder uns das Reisen nicht mehr befriedigt. Viel zu schnell verabschieden wir uns schon wieder von Moni und Amadeus und ziehen erneut in die Ferne. Länger hätten wir aber auch nicht bleiben dürfen. Das Leben in einer Wohnung ist so herrlich bequem und verleitet zu Trägheit und Müssiggang.

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Schrauberarbeiten

Spitzkoppe

Ugab Terrassen

Twelfefontein

Auf dem Weg zum Etosha Nationalpark liegen zwei grossartige Sehenswürdigkeiten, die der Namibia-Urlauber nicht übersehen sollte. Die landschaftlich imposanten Ugab Terrassen, die ähnlich dem Monument Valley in den USA, aus einer Ansammlung von Tafelbergen bestehen, empfehlen sich für einen kurzen Besuch. Für die Felsgravuren von Twyfelfontein sollte der Reisende etwas mehr Zeit mitbringen. Über einen Fussrundweg kann man hier exzellente Tierdarstellungen besichtigen,

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die einst von den Buschmännern zur Ausbildung ihrer Kinder geschaffen wurden. Anhand der Felstafeln wurde dem Nachwuchs beigebracht, welches Tier an welcher Spur zu erkennen ist, welches Tier Beute oder Gefahr bedeutete. Der Rundweg dauert zwar nur eine Stunde, aber der Besucher sollte sich die Zeit nehmen, die wenigen Zeugnisse einer vergangenen Kultur zu ergründen, in deren Mittelpunkt die Familie und nicht ein Herrscher oder eine Konfession stand.

Etosha Nationalpark

Namibias touristische Hauptattraktion ist eindeutig der Etosha Nationalpark im Nordwesten des Landes. Am Rande der horizontlosen, weissen Salzpfanne wird der Betrachter auf seine natürliche Grösse zurechtge-stutzt. Jedem Menschen wird hier bewusst, wie winzig er ist. Manch einer mag sagen, dass dieser National-park nur noch ein Abbild der Wildnis sei. „Die gewaltige Natur ist gezähmt und hinter Zäune gebracht". Das ist alles sicherlich richtig, aber so einfach und so nah, wie man in diesem Park an die verschiedensten Wildtiere herankommt, ist absolut beeindruckend. Ob Giraffen, Zebras, Raubtiere, Antilopen oder Dickhäuter, alle Tiere finden sich an einem der wenigen Wasserlöcher ein, die das Überleben in der trockenen Savanne garantieren. Überwältigend sind dabei vor allem die Elefantengruppen, die wir stundenlang beobachten können. Sie sind die einzigen Tiere, die sich am

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Wasser Zeit lassen und nicht bei jedem Geräusch zusammenzucken. Ob sich nun gerade alte Tiere streiten, die Youngster miteinander spielen oder eines der Tiere ein Schlammbad nimmt; kommen Elefanten zum Wasserloch, gibt es immer etwas zu sehen. Dabei nähern sich die Pachydermen schon einmal bis auf Armlänge unserem Wagen. Erst jetzt wird uns bewusst, wie gross diese grauen Riesen tatsächlich sind. Bei der ersten Begegnungen mit Elefanten, die uns so nah kommen, halten wir noch die Luft an, wissen bald aber, dass die Tiere uns, so lange wir uns mit dem Wagen nicht bewegen, nicht als Bedrohung empfinden.

Fish River Canyon

Nach einem kurzen Abstecher in die Bucht von Lüderitz lassen wir uns wieder hinaus in die Einsamkeit Namibias treiben. Wir folgen dem Regenbogen, der uns den Weg zum Fish River Canyon weist. Die Ausblicke in diesen zweitgrössten Canyon der Welt sind eine Reise wert. Und das, obwohl wir bereits den Grand Canyon in Amerika kennen. Wir folgen vielen Wegen, die entlang der Canyonkante zu spektakulären Aussichtspunkten führen. Wir sind völlig alleine, kein Tier, keine Stimme ist zu hören. Gleich am Abgrund setzen wir uns neben einen Köcherbaum und lassen die Weite dieser Landschaft auf uns wirken. Nur der Wind pfeift rhythmisch und leise über die Felsen und Klippen. Die Natur scheint zu atmen. Wir fühlen es, riechen, hören und sehen. In der Einsamkeit Namibias finden wir eine neue Erfüllung: die Ruhe und die Zeit, beobachten zu können. Sonst wäre uns die einzigartige Schönheit der Köcherbäume gar nicht aufgefallen. Sicher haben wir diese Bäume aufgrund ihrer sonderbaren Erscheinung bisher schon wahrgenommen. Aber wie die Sonne die Farbfacetten ihrer papyrusgleichen Rinde zum Leuchten bringt, ist einer der kleinen Glücksmomente für uns, die eines Tages in ihrer Gesamtheit die Reise ausmachen werden.

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Rinde des Köcherbaums

Die Namib -Wüste

Kurz vor Sonnenaufgang starte ich zu einer kleinen Fusstour in die Sanddünen der Namib. Die Temperaturen sind niedrig und ein leichter Wind lässt auch mich frösteln. Die Landschaft oberhalb des Kuisib Canyons gehört zu den schönsten Wüstenlandschaften Afrikas. Im tiefen Sand fällt es mir schwer, die steile Sanddüne aufzusteigen, die bis an das Flussbett heranreicht. Der Kuisib River, obwohl zumeist ausgetrocknet, ist ausreichend, die roten Sandmassen der Namib von der nördlicher gelegenen Kieswüste messerscharf zu trennen. Gut einhundertfünfzig Meter über dem Talboden erreiche ich eine weitläufige Ebene. Im sanften Morgenlicht öffnet sich mir der Blick in das verwüstete Paradies. Unberührt von Menschenhand liegt diese Landschaft wie zu Anbeginn aller Geschichte. Die Schöpfung hat in der Namib ihrer poetischen Ader freien Lauf gelassen. Die Dünen bestehen aus einer Ansammlung elegant geschwungener Linien, die immer höher aufragend, den Blick zum Horizont versperren.

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Ich wandere eine Stunde nach Süden, hinein in die grandiose, unberührte Welt der roten Wüste. Kein Tier, kein Mensch ist zu sehen. Keine Stimme, kein Geräusch ist zu hören, als ich von der Canyonkante weggehe. Erfüllt vom Glück über diese Landschaft, stolpere ich vorwärts. Die aufsteigende Sonne projiziert immer neue Varianten von Licht und Schatten an die Dünenabhänge. Als der eingelegte Film verknipst ist, ärgere ich mich etwas, keinen Ersatz dabei zu haben. Aber damit findet sich die Zeit, mich auf einen Dünenkamm abzusetzen und die Wüste mit den lebendigen Sinnen aufzusaugen. Die Formen der vom Wind im immerwährenden Kreislauf aufgeschichteten Sandkörner schlagen jeden Betrachter in ihren Bann. Auch ich lasse mich auf dem Sandmeer davontreiben, verliere den Bezug zu Zeit und Raum. Seiner Umwelt entrückt, vermag der Mensch in der unermüdlichen Schöpfung neuer Sandformationen und deren gleichzeitiger Vergängnis für einen ewigen Moment die Unendlichkeit der Wüste zu erkennen.

Einmal in der Dekade: das Sossousvlei unter Wasser

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