"Erfahrung Afrika"(7)

Das Buch vom

Zebrastreifen Verlag

Zaire

Das Buch vom

Zebrastreifen Verlag

Zu unserer Zeit ist Zaire das Land von Mobutu Sese Seko, dem Mann mit der Leopardenfellmütze. Er hat die Korruption in eine neue Dimension gehoben. Korruption als Religion, persönliche Bereicherung als oberstes Staatsziel. Seine als „Mobutism" bekannt gewordene Staatsführung hat das Land in den Ruin getrieben, viel schlimmer aber noch, den Menschen den Glauben an eine funktionierende Gesellschaft geraubt. Heute ist Mobutu Geschichte, aber Zaire, die heutige demokratische Republik Kongo, wird noch Jahrzehnte an den Folgen der Politik eines Mannes leiden, der gekonnt die Weltpolitik ausspielte und für seinen Machterhalt sorgte. Aber auch in der Nachfolge des Diktators zeigt sich erneut das grosse Dilemma Afrikas. „Unsere Interessen zuerst" ist die einhellige Meinung aller Industrieländer. Kaum hatte sich der Bürgerkrieg etwas beruhigt, brach der Kampf zwischen den entwickelten Nationen aus, wurden Missionen und Abgesandte in den Urwald geschickt, auszuloten, wer den grössten Einfluss, das beste Geschäft mit der neuen Regierung, das grösste Stück vom Kuchen abbekommen würde. Eine Besserung für die Lage der Menschen vor Ort kann ich aus diesem Verhalten nicht ableiten. Der Kongo ist mittlerweile wieder aus den Schlagzeilen der Weltpresse verschwunden. CNN ist abgereist. Das leise Leiden der Bevölkerung geht auch ohne Anteilnahme der Welt weiter.

Die "Skyline" von Brazzaville

 

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Unsere Gedanken werden von der Realität eingeholt. Das Schiff berührt den Pier und lässt uns erzittern. Wir begegnen einer Welt, die jenseits unserer multimedial geprägten Vorstellungskraft liegt. In ihrer vermeintlichen Objektivität vermögen die sensationssüchtigen und doch emotionslosen Bilder, die uns zu Hause erreicht hatten, die Realität nur unzureichend abzubilden. Als kein Objektiv unsere Betrachtung einschränkt, erkennen wir, dass das Leiden der Menschen nicht im Aussergewöhnlichen sondern in der Alltäglichkeit liegt. Ahnungslos treffen wir auf den Alltag des Leidens.

Der Hafen von Kinshasa ist mit Menschen überfüllt. Die Polizisten am Kai schlagen mit langen Peitschen in die Menschenmenge, um sie vom Schiff fernzuhalten. Die zahlreichen Tagelöhner hoffen, für einige "Nouveau Zaires" etwas Gepäck vom Schiff an Land tragen zu können und nehmen für die vordersten Warteplätze die Schläge in Kauf. Immer wieder schlagen die "Ordnungshüter" zu. Die Körper zucken, gequälte Stimmen schreien auf, aber die Menge weicht nicht zurück. Der Hunger zwingt die Menschen nach vorne. Etwas Arbeit bedeutet Maismehl für den Tag. Wieder zischen die Peitschen durch die Luft. Als die Fähre festgemacht wird, bricht der Damm und ein Schwall Menschen ergiesst sich auf das Deck. Wir sitzen abgeschottet in unserem Wagen und warten auf das Signal, von Bord fahren zu dürfen. "Willkommen im Mittelalter" denke ich mir.

Wir wandern durch zwei gar nicht schlecht sortierte Supermärkte. Zunächst brauchen wir etwas Zeit, um uns zurecht zu finden. Die Artikel sind zumeist nach einem Punktesystem gekennzeichnet. Jedem Punkt wird über eine fotokopierte Liste ein Preis zugeordnet. Die Liste gibt es jeden Tag neu. Anders können die Geschäfte mit der Inflation nicht Schritt halten. Die Preise für importierte Waren sind horrend. Zum Glück brauchen wir kaum mehr etwas. Selbst der Gemüsemarkt ist nicht billig. Die Versorgung des Landes ist vollkommen zusammengebrochen. Wir spüren die desolate Lage schon an den Preisen der frischen Lebensmittel. Fünf Pfund Kartoffeln kosten auf dem Markt, nach hartem Feilschen, noch immer sechs Dollar. Die Erdäpfel werden aus Südafrika eingeflogen. Nur die reiche Oberschicht kann sich diese Lebensmittel noch leisten. Aber von diesen Leuten scheint es in Kinshasa genug zu geben. Die einfache Bevölkerung isst Maniok oder Maismehl. Morgens, Mittags, Abends. Viele Menschen können sich aber selbst die Preise für Maniok nicht mehr leisten und werden in ihrer Not kriminell. Sie stehlen Lebensmittel zum Überleben. Wie der abgemagerte Bettler, den man vorhin beim Diebstahl erwischt hat. Er wird auf der Strasse gefesselt und entblösst. Die Augen des stummen, alten Mannes flehen panisch um Gnade. Zunächst werden ihm die Haare abgeschnitten, dann wird er von der blutlüsternden Menschenmenge fürchterlich geschlagen und ausgepeitscht. Wir flüchten vor dem starren Blick des leblosen Körpers und laufen zurück zur Mission. Im Zaire herrscht die Anarchie, die grossen Verbrecher herrschen über das Land, die kleinen werden gehenkt.

Marktfrauen besuchen uns an der Mission

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Das 85 Dollar Papier

"Sonas" ist die einzige Versicherung im Zaire und man könnte denken, dass es wenig Sinn macht, nach einer günstigeren Police Ausschau zu halten. Aber nach unserem ersten Anlauf wissen wir nun, auf was es bei der Versicherung alles ankommt. Wir suchen ein weiteres Versicherungsbüro auf und haben nun die passende Beschreibung für unseren Gustav. Jetzt versichert uns die Gesellschaft einen völlig untermotorisierten, nagelneuen Kleinwagen, der im Dienst einer Mission steht. Und siehe da, die Prämie beträgt "nur" noch 85 Dollar. Auf dem Versicherungsschein erscheinen all die Angaben, die wir gemacht haben, nicht. Dort sind nur die Fahrzeugnummer und das Kennzeichen vermerkt. 85 Dollar entsprechen 2.890.000 Neuen Zaires. Heute. Morgen ist der Kurs sicherlich anders. Sprich, man bekommt noch mehr Zaires für seine Dollar. Wie bereits gesagt, der Präsident beklaut das Land und lässt schamlos die Gelddruckmaschinen Tag und Nacht laufen. Besonders nach den Wochenenden taucht die "Währung" signifikant ab. Jeden Tag wird auf dem Schwarzmarkt ein neuer Kurs für das eigentlich wertlose Papier ermittelt. Eine kleine Entscheidungshilfe bietet uns der Getränkeladen an der Ecke. Ist der Preis für die Cola am Morgen noch der gleiche wie am Vorabend, ist die Währung stabil geblieben. Meistens gibt es aber jeden Morgen einen neuen, höheren Preis. Wenn es dramatisch wird, wechselt der Preis auch schon einmal während des Tages. Berühmteste Masseinheit für die zairische Währung ist die Einliter-Flasche "Primus"-Bier. Ihr Preis entspricht fast immer dem Gegenwert von einem US-$. Hyperinflation hat durchaus interessanten Seiten zu bieten. Unsere knapp drei Millionen Zaire stellen uns vor ein kleines Transportproblem. Die grössten Scheine sind Zehn- und Fünfzigtausender. Mit einer prall gefüllten Plastiktüte gehen wir zurück zur Versicherung und bezahlen unsere Police.

Bei unserem Einkaufsausflug haben wir aber nicht bedacht, dass nur Ausländer mit dem Taxi fahren. Die einheimischen Weissen benutzen ihre eigenen Fahrzeuge, zumeist mit Fahrer und Bodyguard. Bald können wir ein als Taxi gekennzeichnetes Auto zu uns winken. Der uralte Toyota ist in einem völlig desolaten Zustand. Wir fallen tief in die durchgesessenen Rücksitze und geben unserem Fahrer die Zielvorgabe. Der Motor pfeift und quietscht. Irgendeine Welle schleift mit mächtiger Unwucht am Blech, aber der Wagen bewegt sich. Von den Instrumenten am Armaturenbrett funktioniert nicht eines mehr. Das ist auch unwesentlich, Hauptsache die Bremsen verursachen noch irgendeine Art von Verzögerung. Unsere Fahrt führt über den Boulevard des 30. Juni. Wir fallen auf, obwohl wir uns tief in die Rückbank vergraben haben.

Ein roter Wagen fährt mit einem gewagten Manöver neben unser Taxi. Durch die geöffneten Seitenfenster brüllt der Beifahrer des BMW unseren Fahrer an. "Anhalten! Fahr' rechts ran!" Zunächst reagiert unser Taxifahrer nicht. Zwei der vier Männer in dem anderen Wagen schwenken unleserliche Ausweise. "Geheimpolizei! Kontrolle! Rechts ran fahren!" Uns schiesst literweise Adrenalin in die Adern. "Das ist keine Polizei, das sind Banditen!" Ich rede hastig auf den Taxifahrer ein, weiterzufahren. "Bloss nicht anhalten." Der andere Wagen unternimmt einen erneuten Anlauf, fährt nun von rechts an uns heran. Als unser Fahrer wieder kein Zeichen gibt anzuhalten, beschleunigt der BMW, zieht scharf nach links und versucht, uns auf den Grünstreifen zu drängen. Nun zeigt auch unser Fahrer eine Regung und schreit lauthals aus seinem Wagen heraus. Wir bestürmen unseren Chauffeur. "Gib Gas. Nicht anhalten, bevor wir bei Mercedes sind. Wir zahlen Dir das Doppelte, wenn wir heil ankommen."

 

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Der altersschwache Motor mobilisiert seine letzten Pferdchen. Unser Fahrer gibt dem Toyota die Sporen und zwängt sich auf dem zweispurigen Boulevard zwischen den vor uns fahrenden Autos hindurch. Die Ampel springt auf Rot um! An den haltenden Fahrzeugen vorbei rast unser Fahrer noch über die weitläufige Kreuzung. "Augen zu!", der Querverkehr kommt bereits. Der stärker motorisierte BMW klebt noch immer an unserem Heck und versucht erneut, uns abzudrängen. Uns wird schlecht vor Angst. Einem Film gleich läuft die Verfolgung vor unseren Augen ab, nur dass wir nicht im Autokino sitzen. Unser Mann am Steuer versteht sein Handwerk. Gekonnt weicht er mit seinem Taxi den Attacken des anderen Fahrzeugs aus. "Wie weit ist es noch bis Mercedes?" "Nach dem nächsten Platz noch einen Kilometer." Mit quietschenden Reifen biegt unser Fahrer in den nächsten Kreisverkehr und zieht ohne Respekt vor dem restlichen Verkehr auch wieder aus dem Kreisel heraus. Noch ein Kilometer...

Endlich raus aus Kinshasa: die Fernstrasse nach Matadi

In Matadi klopfen wir bei einer schwedischen Missionsstation an. Der liebenswürdige Pfarrer lässt uns in der Anlage zelten. Im Hafen suchen wir nach neuen Lösungen, müssen aber schon bald erkennen, dass auch hier der Weg für uns nicht weiter geht. Zudem lernen wir den Mitarbeiter einer südafrikanischen Kirchenorganisation kennen. Er rät uns dringend davon ab, den Hafen von Matadi zu benutzen. "Wir haben bereits Unsummen an den Zoll gezahlt, um unsere Ausrüstung aus dem Hafen zu bekommen. Aber noch immer ist ein Lkw und technisches Gerät unter Verschluss". "Ausrüstung wofür?" fragen wir. Tonie baut sich stolz vor uns auf. "Wir sind die Boten Gottes. Wir sind auf einem Kreuzzug." Nach meinem ersten Schreck, dass Tonie es ernst meint, fällt mir auf, welche Ähnlichkeit er mit der christlichen Jesusdarstellung hat. Die langen, blonden Haare, ein kurz geschnittener Bart und der weisse Anzug sehen doch wirklich beeindruckend aus. Wir bekommen sogleich eine Einladung, die nächste Veranstaltung von "JAM" (Jesus alive ministers) zu besuchen. "Dort werden die Menschen bekehrt und können das Wort Gottes hören". Mit einer pompösen Licht- und Lasershow auf ihrer mobilen Musikbühne wirken sie auf die Menschen hier bestimmt gewaltig. Ich habe jedoch eine zu kritische Einstellung zu Kirchen, als dass ich mir diese Show anschauen wollte.

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Unsere Nachforschungen über Angola verlaufen weiterhin im Sand. Der angolanische Konsul in Matadi verweigert uns sogar jegliche Auskunft. Das einzige, auf das wir mittlerweile recht sicher zählen können ist, dass es ab Luanda unproblematisch nach Süden gehen soll. Bei der Ausfahrt aus Matadi werden wir erneut von der Immigration gestoppt. Wie schon bei der Ankunft in der Stadt, erfolgt die Kontrolle sehr freundlich und höflich. Eigentlich sind wir überrascht, im Zaire so gut behandelt zu werden. Das kann man von den Strecken im Norden des Landes absolut nicht behaupten. Wie wir später hören, ist der Wegezoll dort mittlerweile auf über 1500 Dollar für die Passage nach Uganda geklettert. Man könnte meinen, hier in einem anderen Land zu reisen.

Die nun gut ausgebaute Strasse führt über eine majestätische Hängebrücke auf die Nordseite des Kongo-Flusses. Der Ausblick auf den gewaltigen Strom ist erhebend. Die Überseeschiffe wirken auf dem mächtigen Fluss wie Spielzeugboote. Aus der Entfernung sieht Matadi sogar recht hübsch aus; aber auch wirklich nur aus der Entfernung.

 

Ein Photo im Verborgenen: die mächtige Brücke über den Zaire Fluss ist militärisches Sperrgebiet

Wir folgen der vorzüglichen Teerstrasse durch eine abwechslungsreiche Landschaft bis nach Boma. Weiter nach Muanda führt dann nur noch eine Piste, die uns herb daran erinnert, in Zentralafrika zu sein. Die Buckelpiste zermürbt uns und wir stellen bald fest, dass uns die Zeit wegläuft. Der Weg bis zur Stadt ist auf dieser Piste heute nicht mehr zu schaffen. "Wir müssen einen sicheren Übernachtungsplatz finden." Das ist in dem ebenen und kaum von Bäumen bestandenen Landstreifen, eingeklemmt zwischen dem Kongo im Norden und Angola im Süden, gar nicht so einfach. Abseits der Strecke sehen wir eine Ansammlung kleiner, einfacher Häuser. Wir halten in der Spur und warten erst einmal die Reaktion der Dorfbevölkerung ab. Doch niemand kommt schreiend angerannt. Bald erkennen wir, dass uns bereits eine Abordnung der Bewohner entgegenkommt.

Wir grüssen freundlich und werden mit den Worten empfangen: "Kommt näher, wir glauben alle an Jesus Christus." Die Begrüssung ist so ausgesprochen herzlich, dass wir gar nicht richtig dazu kommen, uns vorzustellen. Es kostet uns einige Mühe, den gastfreundlichen Dorfbewohnern zu erklären, dass wir weder Baptisten oder Methodisten noch Adventisten, sondern nur ganz einfache Touristen sind. Aber auch nach unserer ausführlichen Erklärung beschleicht mich weiterhin das Gefühl, dass uns unsere Gastgeber noch immer in einen Topf mit den klerikalen Kreuzfahrern werfen.

Jedenfalls sind wir gut aufgehoben. Drei Männer bestimmen das Leben in dem kleinen, gerade mal elf Hütten umfassenden Dorf. Pater Frederik ist die geistliche Führung der Dorfgemeinschaft. Er kam aus Kinshasa, wo er Hilfsprediger war, um hier eine neue Gemeinschaft von Christen zu gründen. Das ist ganz ernsthaft gemeint, denn in allen Dörfern der Umgegend folgen die Menschen noch den Einflüssen der schwarzen Magie. Gehen die Bewohner des christlichen Dorfs in eines der Nachbardörfer, werden sie dort von den Andersgläubigen nur mit kleinen Stöckchen angeschubst. Sie anzufassen, traut sich keiner. John ist der Kopf des Dorfes. Er ist der Denker und bereitet die Entscheidungen vor, die dem Dorf Zusammenhalt geben und die kleine Gemeinschaft zum Erfolg führen sollen. John kommt aus Angola. Dort hat er durch die Explosion einer Landmine beide Beine verloren. Er sitzt im Rollstuhl, aber seiner übergeordneten Stellung tut das keinen Abbruch. Jeon komplettiert das Trio. Er ist der rechte Arm von John, sozusagen die Exekutive.

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Nachdem wir uns alle kennen, pfeift Frederik die Kinder zurück, dass wir in Ruhe unser Nachtessen bereiten und uns waschen können. Für später erwartet man uns am Lagerfeuer.

Nachtlager in einer Mission

Wir schlafen gut behütet. Es ist eine herrliche Sommernacht. Um halb fünf weckt uns Glockengeläut. Frederik schlägt auf eine an einem Dreibein aufgehängte Lkw-Felge und ruft seine Schäfchen zum Morgengebet. Wir schlafen wieder ein und werden kurze Zeit später von Gebeten und Lobpreisungen erneut geweckt. Bei den anschliessenden paradiesischen Gesängen entschlummern wir wieder sanft. Die Dorfgemeinschaft ändert meine Einstellung gegenüber den Kirchen etwas. Glauben ist durchaus in der Lage, den Menschen einen Halt zu gewähren, an dem sie sich aufrichten können. Dafür müssen sie aber zur Mündigkeit erzogen werden und nicht zur Abhängigkeit und blindem Gefolge.

 

Mai / Juni 2000: Markus und Api durchqueren Afrika auf der klassischen Route. Ihr Reisebericht zur Strecke Kamerun - Zentralafrikanische Republik - Zaire - Uganda:

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