"Erfahrung Afrika"(15)

Das Buch vom

Zebrastreifen Verlag

Kenia

Das Buch vom

Zebrastreifen Verlag

Kenia, der Inbegriff Ostafrikas. Landschaften in Cinemascope verwöhnen und berauschen den Betrachter. Zwischen Tsavo und Aberdares findet der Reisende die Landschaften, die er vor seinem inneren Auge sieht, sobald er an Afrika denkt. Nirgendwo sonst hat der Kontinent spektakulärere Einblicke zu bieten. Aber Kenia hat auch unübersehbare Schattenseiten. Der Schatten des Massentourismus ist bis in die letzten Winkel des Landes gekrochen. Nachdem sich die Wirtschaft Kenias in einen Abwärtsstrudel begeben hat, Korruption und Kriminalität blühen, beiben die Besucher aus. Zurück bleiben entwurzelte Menschen, die zeitweise ihren Lebensunterhalt in der Tourismusindustrie fanden, nun aber nicht mehr zu ihrem ursprünglichen Leben zurückkehren können.

Nachtlager an der Twiga Lodge

Der kleine Schritt nach Kenia, über die abgelegene Grenzstation bei Lunga, führt uns in das Zentrum des ostafrikanischen Massentourismus. Entlang der grünen Küstenlinie reihen sich die exklusiven Inseln der Glückseligkeit auf. Diani Beach und Tiwi Beach werden von grossen Hotelanlagen belegt, in denen die Besucher aus Übersee - sorgsam abgeschirmt von Afrika - ihr ungetrübtes Urlaubsglück finden.

1)

Hinter meterhohen Betonmauern, Elektrozäunen und beschützt von Wachmannschaften, wird die perfekte Illusion eines grossen Urlaubslandes aufrecht erhalten. Brechen diese Touristen dann aus ihren Gehegen aus, geht es in klimatisierten Bussen zu den (menschenleeren) Wundern der ostafrikanischen Landschaft. Bei den Fahrten durch Städte und Dörfer müssten den Leuten allerdings die Augen verbunden werden. Denn was auf den Strecken zwischen den Nationalparks und den Luxushotels zu sehen ist, passt so gar nicht zu einem schönen Urlaubsland. Armut, Schmutz, Gewalt und Hunger konzentrieren sich entlang der Ausfallstrassen von Mombasa. Wir finden uns an der Twiga Lodge ein, dem einzigen Ziel für Budgetreisende südlich von Mombasa. Die Anlage könnte gepflegter sein, aber der ansehnliche Sandstrand und die Möglichkeit, überhaupt noch an dieser Küste campen zu können, lässt uns über vieles hinwegsehen. Für uns als Autotouristen ist die Twiga Lodge ein schönes Ziel. Für Rucksackreisende ist es aber nicht unproblematisch, die Lodge zu erreichen. Auf dem langen, schmalen Hohlweg von der Hauptstrasse zum Camp sind schon viele Reisende von Jugendbanden überfallen worden, deren Eltern das Taximonopol für diese Strecke unterhalten. So steht man vor der Wahl, einen unverschämten Preis für das Taxi zu zahlen oder zu Fuss das Risiko eines (bewaffneten) Überfalls einzugehen. Am sinnvollsten ist es wohl, auf eine Mitfahrgelegenheit auf einem der zahlreichen Overland-Trucks zu warten. Wir fühlen uns angesichts des halben Dutzend Massai (-Krieger), die als Wachen auf dem Platz angestellt sind, gut behütet. Wir fragen Masawa, einen der Wächter, ob der Platz auch wirklich sicher sei. "Nachdem wir in der ersten Woche einige Pfeile in die Diebe geschossen haben, ist Ruhe eingekehrt". Beruhigend....

Der Tsavo Park West ist der erste Nationalpark, den wir in Ostafrika besuchen. Wir holen tief Luft und greifen noch tiefer in die Tasche. Für rund 100 DM erkaufen wir uns den Zutritt zu dem Park und die Berechtigung, eine Nacht auf dem Camping zu übernachten. Der Eintritt gilt wohlgemerkt für 24 Stunden, dann müssen wir den Park bereits wieder verlassen haben oder erneut zahlen. Erneut zu zahlen, dafür fehlen uns leider auf der langen Reise die Mittel, also müssen wir ständig die Uhr im Auge behalten. Dass man bei diesem Zeitdruck keine Möglichkeit hat, vernünftig Tiere zu beobachten, ist uns klar. Das wollen wir hier auch gar nicht. Wir werden uns auf das Landschaftserlebnis beschränken, das uns voll und ganz ausfüllen wird. Denn der Tsavo-Park bietet ostafrikanische Landschaften aus dem Bilderbuch. Die halbkugelförmigen Hügel wachsen sanft aus der grüngesprenkelten Savanne heraus. Durch das Fernglas können wir zwischen den Kameldornbüschen und den Akazien immer wieder einzelne Tiere ausmachen; auch die für den Tsavo Park bekannten, roten Elefanten. Von einem Aussichtspunkt an der Spitze eines kleinen Berges wirkt die endlose Weitläufigkeit der Savanne wie eine Droge auf unsere Sinne.

Fliehende Giraffe im Tsavo-Park

An dieser Landschaft können wir uns berauschen. Über eine kleine, verwinkelte Piste steuern wir den Aberdares National Park von Westen an. Die im Reiseführer versprochene Teerstrasse beginnt erst vier Kilometer vor dem Parkeingang. Aber bis dahin sind wir schon so durchgerüttelt, dass es auf die wenigen Kilometer auch nicht mehr angekommen wäre.

2)

Selten: Spitzmaul-Nashorn

Die Aberdares gehören in Kenia zur ersten Kategorie in der Nationalpark-Einteilung und der Eintritt fällt mit 120 DM noch etwas heftiger als im Tsavo Park aus. Aber die Landschaft in gut dreitausend Meter Höhe ist unvergleichlich schön. Nicht nur wegen der atemberaubenden Wasserfälle von Gura, die gute 300 Meter tief in ein urwaldbestandenes Tal stürzen. Neben der Landschaft haben wir erfreuliches Glück mit den Tierbeobachtungen. Nach einem ersten Elefanten sehen wir einen mächtigen Löwen mit prachtvoller Mähne und für einige Sekunden auch einen schwarzen Leoparden. Dann ist das Tier aber bereits wieder im Busch verschwunden.

Fälschungssichere Eintrittskarte

Der Aberdares Nationalpark

Obwohl in seiner Ausdehnung klein, überrascht uns der Lake Nakuru Park mit einer unüberschaubaren Anzahl verschiedener Tierarten. Hauptattraktion des Parks sind die gut zwei Millionen Flamingos, die sich von Mikroorganismen im sodahaltigen Wasser des Sees ernähren. Die Flamingos sind ein Fest für die Augen. Die auf dünnen Beinen stehenden, gefiederten Leiber scheinen über dem Wasser zu schweben und bilden einen schmalen, pinkfarbenen Strich zwischen Himmel und Erde. Dass die Flamingos aber auch eine freche Beleidigung für die Nase sind, darauf weist niemand hin.

3)

Zebra am Lake Nakuru

Einen gewaltigen Blick und frische, unbelastete Luft. Wie fluoreszierende Farbspritzer heben sich die Flamingos vom dunkelblauen Wasser des Sees ab. Erst von diesem Ausblick können wir erahnen, welch ungeheure Masse Vögel an diesem See lebt. Der halbe See scheint nur noch aus wabernder Vogelscheisse zu bestehen. Wir flüchten vor dem bestialischen Ammoniakgestank auf die Baboon Cliffs. Von dort aus hat man den besten Ausblick über den Park.

Lake Nakuru Nationalpark

Unser Standplatz im Palmenhain ist grossartig. Unter den breiten Blättern finden wir ausreichend Schatten und ein steter Wind sorgt für etwas Kühlung. Eliye Springs ist eine wunderbarere Insel im weiten Ozean der Wüste. Was die Landschaft betrifft. Die Einwohner des Dorfes fallen uns schon nach wenigen Minuten auf den Wecker. Kaum ist der Wagen abgestellt, werden wir auch schon von verkaufswütigen Turkana Frauen belagert. "Buy, Mister, buy!" Für heute können wir uns noch aus der Affäre ziehen. Wir entschuldigen uns, nach der langen Fahrt müde zu sein und setzen für den nächsten Morgen ein Treffen mit den Frauen an. Damit haben wir zumindest den restlichen Nachmittag für uns. So lange wir am Wagen bleiben. Wollen wir aber etwas herumlaufen, schreit es bereits aus einer Ecke "Buy here". Mein Versuch, einige Fotos von der Anlage und dem See zu machen, endet fast in einem Fiasko. Alles stürmt brüllend auf mich zu, "no money, no photo!". Kommt für mich auch gar nicht in Frage, dass ich für ein Photo bezahle. Ich klettere auf eine Klippe und flüchte vor den hysterischen Frauen. Fünfundzwanzig Jahre Hochpreis-Tourismus haben das Verhalten dieser Menschen nachhaltig zerstört.

4)

Eigentlich sollten wir umgehend wieder fahren, aber die Landschaft ist zu schön. Zum Abend kommen zwei neue Wächter, die uns für die Nacht beschützen sollen. Sie legen sich unmittelbar neben dem Wagen auf den Boden und geben uns das Gefühl absoluter Sicherheit und entzogener Freiheit.

Abfahrt aus Eliye Springs

< zur Länderübersicht

weiter nach Uganda >

zurück zur Zebrastreifen Homepage

Zebrastreifen Verzeichnis