|

Eine
von unzähligen Kinderhorden
In
Karonga verbringen wir unsere letzten Nächte in Malawi. Der
Gemüsemarkt verschwindet in Karonga fast völlig hinter dem
Gebraucht-kleidermarkt. Dieser Altkleiderhandel findet sich in fast
jedem afrikanischen Dorf. Der schwarze Kontinent wird mit billigen,
gebrauchten Kleidern aus Europa überschwemmt. Zu Hause kostenlos
als Hilfsgut für die bedürftigen Menschen in Afrika
gespendet, gelangen die Kleider über die Hilfsorganisationen an
die Regierungen afrikanischer Länder. Diese verkaufen die
Kleider an Grosshändler, die wiederum die Markthändler
beliefern. Für zwei bis drei Mark gelangt auf diesem Weg eine
Hose oder ein Hemd an den Endabnehmer. Was daheim grosszügig
gedacht ist, verkommt in Afrika zu einem profitablen Geschäft,
mit vernichtenden Nebeneffekten. Angesichts der billigen Ware geht
die heimische Bekleidungsindustrie zugrunde. Bei solch niedrigen
Preisen ist eine eigene Produktion, selbst bei den billigen
Arbeitskräften, nicht möglich. Mindestens genauso schlimm
ist, dass mit der fremdländischen Bekleidung wieder ein
Stück eigener, afrikanischer Identität verloren geht.

|
8) |
Während
ich auf Joly warte, fällt mir ein kleiner Schuppen neben den
Marktständen auf. Aus der mit Plastiktüten und blauen
UNHCR-Planen verklebten Hütte dringen merkwürdige
Geräusche. Schreie, Maschinengewehrsalven und Explosionen suchen
aus überlasteten Lautsprechern den Weg nach draussen. In diesen
billigen Videokinos werden für wenige Pfennige fünftklassige
Hongkong-Reisser gezeigt. Das Publikum verfolgt begeistert wie sich
die Darsteller reihenweise massakrieren. Das Resultat dieser Filme
kann ich mir am Abend vor dem Campingplatz anschauen. Dort hat es die
Kindermeute endlich geschafft, mich vom Zelt wegzulocken, nachdem sie
den ganzen Tag am Maschendraht geklebt hatte und unentwegt
"Mister! Mister!" gerufen hatten. Der Griff zur Kamera hat umgehend
zur Folge, dass sich alle Kinder in "Kung Fu"-Pose
werfen und grunzende Laute von sich geben.
Den
wahren Fehler des Abends begehe ich aber, als ich herzerweicht doch
die Luftballons verteile, die wir seit Deutschland mitschleppen und
nach unseren Erfahrungen in Marokko ganz tief unten im Wagen verstaut
hatten. "Jedem einen!" Aber mein "frommer" Wunsch
bleibt ungehört. Alle Kinder, ob Mädchen oder Jungen
drängeln erneut vor, auch wenn sie schon ein Geschenk erhalten
haben. Ganz vorwitzig ist eine freche Göre, die den Luftballon
scheinheilig in den Mund steckt, als ich ihre beiden leere Hände
sehen will. Nachdem alle Ballons verteilt sind und jedes Kind
mindestens einen Ballon bekommen hat, fängt die Prügelei
an. Die Jungs verprügeln die Mädchen, die Grossen die
Kleinen. Am Ende der Prügelei haben die beiden ältesten
Burschen alle Ballons zusammen. Ihre überhebliche Freude ist
nicht von langer Dauer. Ein Jugendlicher kommt des Weges, bedroht sie
erst und schlägt sie dann zusammen, um daraufhin mit allen
Luftballons von dannen zu ziehen. "Das war unser letzter
Versuch." In Afrika bekommt man nichts geschenkt. "Gar
nichts!"

Der
grösste Fehler: Geschenke
< Die
Kleinste |