Verwandtenbesuch im Kongo

von Dr. Heinrich Hofmann

Dr. Heinrich Hofmann reiste Ende 1997 nach Uganda und von dort aus über die Grenze in den Zaire (Demokratische Republik Kongo) zum Gorillatrecking ein. Hier sein ausgezeichneter Bericht, den er uns zugesandt hat.

„Send me to the Congo..." krächzte der neueste Genesis-Song aus den Lautsprechern der alterschwachen Boeing 737, als wir zur Landung auf dem Flughafen Entebbe ansetzten, der die Hauptstadt Ugandas, Kampala, mit dem Rest der Welt verbindet und dessen Name in den Köpfen deutscher Flugreisender nicht unbedingt angenehme Assoziationen erzeugt. Wir sind auf dem Weg in eines der wenigen Länder dieser Erde, das immer noch zu Recht den Ruf der Unerschlossenheit und Unzugänglichkeit trägt und das nicht zuletzt deswegen die Heimat unserer nächsten Verwandten im Tierreich, der Berggorillas (Gorilla gorilla beringei), geblieben ist. Die Demokratische Republik Kongo, vormals Zaire, repräsentiert den Inbegriff des „dunklen Herzens" Afrikas und ist den meisten Menschen vor allem durch negative Schlagzeilen ein Begriff. Ein gieriger Diktator, der das rohstoffreiche Land jahrzehntelang abwirtschaftete, blutige Bürgerkriege und heimtückische Seuchen setzten den Kongo lange auf einen der ersten Plätze aller vorstellbaren, schwarzen Listen und der Reisewarnungen des Auswärtigen Amtes.

 Daher ist es nicht verwunderlich, daß der Kongo, anders als die benachbarten, ostafrikanischen Staaten Kenia und Tanzania, bisher ein touristisches Niemandsland geblieben ist. Dabei beherbergt dieses Land phantastische, wenn auch schwer zugängliche Naturschönheiten, Nationalparks von Weltruf, eine einzigartige Tierwelt und nahezu ausgelöschte Völker, wie den Pygmäen-Stamm der Twa. Allein die Reise in und durch dieses Land stellt ein Abenteuer an sich dar und ist durch die politischen Verhältnisse nur selten möglich und fast immer mit einem schwer zu kalkulierenden Risiko verbunden. Außerdem erfordert eine solche Reise, vor allem seit den Zerstörungen des Bürgerkrieges, eine stete Bereitschaft zur Improvisation und ein hohes Maß an Unabhängigkeit, da die uns geläufigen und selbstverständlichen Standards, wie halbwegs passierbare Verkehrswege, eine gewisse staatliche Organisation, Post oder zumindest einfache Formen von Telekommunikation hier nirgends, nicht einmal in Städten, existieren. Ein bekannter, englischsprachiger Reiseführer sagt dazu lakonisch: "Forget about all that. You might as well be on the moon...".

Glücklicherweise liegen die interessantesten Gegenden dieses riesigen Landes vor allem im östlichen Teil, der durch die angrenzenden Länder Uganda, Ruanda und Burundi relativ gut zugänglich ist. Leider sind auch die letzteren beiden seit einigen Jahren durch politische Unruhen für Reisende gesperrt, so daß derzeit nur noch Uganda als Eintrittspforte in den östlichen Kongo genutzt werden kann. Dieser Landesteil unterscheidet sich deutlich vom Rest des Kongo und dem tiefliegenden, malariaverseuchten Kongobecken. Er ist geprägt von den schneebedeckten Gipfeln des Ruwenzori-Gebirges, von aktiven und ruhenden Vulkanen, deren höchster der Karisimbi (4507m) ist, und scheinbar bodenlos tiefen Seen. Dank eines fast mediterranen Klimas mit reichlich Niederschlag erfreut sich das Land einer großen Fruchtbarkeit und ungezügelten Vegetation. Hauptziel der wenigen Touristen, die in den letzten beiden Jahrzehnten den Weg in dieses vergessene Land gefunden haben, waren und sind die letzten Berggorillas, die hier zuhause sind. Vor allem die Hollywood-Verfilmung der Autobiographie "Gorillas im Nebel" der amerikanischen Gorillaforscherin Dian Fossey hat einen touristischen Schub ausgelöst, bevor der Sturz des Diktators Mobutu und der vorangegangene Bürgerkrieg dem erneut ein jähes und blutiges Ende setzte. Aber auch in den Jahren des touristischen "Booms", sofern man überhaupt von einem solchen sprechen kann, blieb der Kongo ein exotisches Reiseziel, in das sich nur wenige wagten. Insbesondere eine vollständige Durchquerung des Landes blieb und bleibt nur wenigen, zähen Overlandern und Transafrika-Reisenden vorbehalten.

Auch derzeit ist eine Reise in das Landesinnere mangels Visaerteilung noch nicht möglich und aus Sicherheitsgründen auch absolut nicht empfehlenswert. Ein Trek zu den im Grenzgebiet lebenden Berggorillas ist jedoch von Uganda aus seit kurzem wieder möglich und bei Beachtung einiger Regeln auch relativ ungefährlich. Schon bei der Anreise durch Uganda wird dem Besucher zu jeder Zeit augenfällig, daß er sich in unmittelbarer Nähe eines der großen Krisengebiete dieser Erde bewegt. So stellt die Straße von Kabale zum Grenzort Kisoro einen der Hauptverbindungswege internationaler Hilfstransporte nach Kigali und Goma und in die kongolesische Krisenregion Kivu dar. Dementsprechend sind die weißen Jeeps und Lastwagen der UN und diverser humanitärer Organisationen die am häufigsten anzutreffenden Fahrzeuge. Das Fahren auf den schmalen, vom Regen unterspülten und mit knietiefem Schlamm bedeckten Serpentinen stellt allerhöchste Anforderungen an das Können der Fahrer und die Nerven der Mitreisenden. Abgestürzte und anschließend sofort geplünderte Lastwagen der Hilfskonvois zeigen, daß nicht jedem das Glück auf dieser Strecke hold war. Besondere Bewunderung verdienen die afrikanischen Fahrer mit ihren uralten Mercedes- und Fiat-Lastern, die diese Strecke völlig überladen und mit bis auf die Karkasse abgefahrenen Reifen bewältigen. Die landwitschaftlich intensiv genutze und terrassenförmig angelegte Gebirgslandschaft erinnert dabei ausgesprochen an das Kathmandu-Tal in Nepal, und wie dort ist die Bewirtschaftung der Felder für die Menschen mit härtester körperlicher Arbeit verbunden.

Da, wie schon erwähnt, eine offizielle Einreise in den Kongo für Touristen zur Zeit nicht möglich ist, ist nach dem Erreichen der Grenze eine Menge Geduld, ein örtlicher Vermittler, Verhandlungsgeschick und ein Bündel kleiner Dollarscheine erforderlich. Mit etwas Glück kann dann ein inoffizielles Tagesvisum ausgehandelt werden, das es einem ermöglicht, von der Grenzstation aus in einem Tag zu den Gorillas zu trekken und am selben Tag nach Uganda zurückzukehren. Dies ist mit Unterstützung rühriger Kleinunternehmer, die an der Grenze schon auf Gorilla-Trekker warten, auch durchführbar. Auf eine Übernachtung im kongolesischen Grenzgebiet ist ohnehin niemand besonders erpicht. Schon hier an der Grenze wird durch die professionelle Vermarktung der "Ware Gorilla" schnell klar, daß in den besseren Tagen Zaires das Gorilla-Trekking eine wohlorganisierte und für einige sehr einträgliche Industrie war, die jetzt ihre vorsichtige Wiederauferstehung feiert. Daß dies nicht zum Schaden der jetzigen Betreiber des Geschäftes gereicht, konnte man unschwer an den Statussymbolen dieser erfolgreichen afrikanischen Geschäftsleute erkennen, wie den nagelneuen Nappalederjacken, Ray-Bans und Nike-Sportschuhen, mit denen sich diese doch ziemlich deutlich von dem in Lumpen gehüllten Rest der Bevölkerung unterschieden. Auf die Frage unseres Mittelsmannes, wo denn seine kongolesischen Geschäftspartner aus der Zeit vor dem Umsturz abgeblieben seien, meinte der Grenzbeamte nur lapidar, die seien „abgelöst" worden und machte dabei eine horizontale Bewegung mit der Handkante über seine Kehle...

Um das geplante Mamutprogramm innerhalb eines Tages absolvieren zu können, mußte die Grenze Uganda - Kongo lange vor dem Morgengrauen überschritten werden. Dieses gestaltete sich wie in einem schlechten Spionagefilm. Auf dem Grenzstreifen bei Bunagana wird die Staatsmacht des Kongo durch eine von Palmen umringte und mit Einschußlöchern übersäte Baracke repräsentiert, auf deren Veranda eine Horde in Tarnanzüge gehüllter Soldaten unter lautem Scharchen schlief. Wir tasteten uns vorsichtig zum Eingang der Baracke vor, ohne dabei auf eine Kalaschnikow zu treten, wo uns der verschlafene Wachhabende schon erwartete und zwecks Überprüfung der Personalien mit einer Taschenlampe mitten in die Gesichter leuchtete. Die Pässe wurden mit dem Einreisestempel "Republique du Zaire" versehen, bei dem das Wort "Zaire" wegschnitzt worden war und durch ein handschriftliches "Congo" ersetzt wurde. Der nur mit einem Trenchcoat und Gummistiefeln bekleidete Grenzbeamte versuchte durch betont harsches Auftreten seine Autorität und die Bedeutung dieses hoheitlichen Aktes zu unterstreichen. Daß zwei Meter neben seinem Schreibtisch einer seiner nunmehr erwachten Kämpfer im hohen Bogen sein Wasser von der Veranda herunter abschlug, störte die Zeremonie in seinen Augen jedoch nicht. Anschließend ging es in wilder Fahrt auf der Pritsche eines Peugeot Pick-Ups durch die Nacht in den Virunga-Nationalpark, in dem 30 Jahre zuvor Dian Fossey ihre aufsehenerregenden Studien durchgeführt hatte. Der Virunga-Nationalpark, der bereits 1925 gegründet wurde, umfaßt ein etwa 8000 Quadratkilometer großes Schutzgebiet, das sich von Goma am Kivu-See bis fast zum Lake Albert (bis vor kurzem Lake Mobutu genannt) erstreckt. Er berührt dabei das Territorium der drei Länder Uganda, Kongo und Ruanda.

Sobald das aufkommende Tageslicht die Sicht freigab, wurden die krassen Unterschiede zu dem nach unseren Vorstellungen auch nicht als wohlhabend zu bezeichnenden Uganda offensichtlich. Die Armut der Menschen ist erschreckend. Technik, und sei es nur in Form eines Fahrrades oder einer Petroleumlampe, ist hier ein völliges Fremdwort. Das einzige Transportmittel sind eine Art überdimensionale, mit Holzrädern versehene Tretroller, die über nicht einmal mehr als Pisten zu bezeichnende "Straßen" holpern. Beim Anblick der am Straßenrand liegenden Eingeborenen-Siedlungen, deren fensterlose Hütten aus Elefantengras bestehen und aus deren Eingängen der Rauch der Lagerfeuer quillt, fühlt man sich buchstäblich in Joseph Conrads Heart of Darkness versetzt. Nach einer knappen Stunde Fahrt erreichten wir Djomba, eine Ranger-Station des Virunga-Nationalparks am Fuße der Vulkane Muside (3000 m) und Sabynyo (3634 m). Nach einem ca. halbstündigen Aufstieg über Felder und Bergwiesen erreichten wir eine Schutzhütte, an der uns bereits ein Park-Ranger sowie Fährtensucher und eine bewaffnete Eskorte erwartete. Der Ranger erklärte uns in gutem Französisch und rudimentärem Englisch, daß die Eskorte unserem Schutz dienen sollte, da auf den schmalen Trampelpfaden jederzeit ein Zusammentreffen mit Büffeln oder Waldelefanten auf kürzeste Distanz zu befürchten sei. Uns drängte sich allerdings eine andere Erklärung auf, da wir uns nur wenige Kilometer Luftlinie von der Grenze zum bürgerkriegsgeschüttelten Ruanda entfernt befanden. Nach dem erneuten Austausch von einigen Dollarnoten konnte der insgesamt etwa neunstündige Trek zu den Berggorillas beginnen.

Die Gorillas, die erst im Jahre 1902 von dem Hauptmann der deutschen Kolonialtruppen Oskar von Beringer im Zuge einer Jagdsafari entdeckt worden waren, leben in stabilen sozialen Einheiten von durchschnittlich zehn Tieren aller Altersgrup-pen, die von einem sog. Silberrücken angeführt werden. Silberrücken sind geschlechtsreife, über 15 Jahre alte Männchen, die bis zu einer Vierteltonne schwer werden können.

Seltener werden diese Gruppen auch von noch jüngeren Männchen angeführt, den sog. Schwarzrücken. Diese Gruppen bewegen sich in einem sehr großen Territorium, das sie systematisch durchstreifen und als reine Pflanzenfresser nach ihren bevorzugten Nahrungspflanzen absuchen. Daher ist es trotz der Größe des in Frage kommenden Gebietes und der enorm dichten Vegetation relativ einfach für die Fährtensucher, die Gorillas aufzuspüren, da diese jeden Tag nur eine geringe Distanz fressend zurücklegen. Sehr anstrengend wird das Trekking durch das rauhe Klima in dem immerhin an die 3000 m hoch gelegenen Gebiet und den fast undurchdringlichen Regenwald, der ein permanentes Freischlagen des Weges mit Macheten und teilweise die Fortbewegung auf allen Vieren notwendig macht. Mächtige Kosobäume, die über und über mit Orchideen bewachsen sind und von deren Ästen meterlange Flechtenbärte herabhängen, stehen dicht an dicht und geben die Sicht selten weiter als für einige Meter frei. Stundenlanger Dauerregen (die jährliche Niederschlagsmenge beträgt hier 1800 mm) und Nebel machen außerdem das Photographieren zu einem Glücksspiel. Während wir in der ersten halben Stunde unseres Marsches noch versuchten, durch Hüpfen von einem Grasbüschel oder Wurzelstock zum nächsten wenigstens den tiefsten Pfützen auszuweichen, verwandelte sich der Dschungelpfad allmählich in einen Bach. Da somit jeder Widerstand zwecklos war, ergaben wir uns in unser Schicksal und wateten schließlich bis zu knietief durch Wasser und Morast. Irgendwie tröstete es uns, daß unsere Führer, die im landestypischen Schuhwerk, dem Gummistiefel, angetreten waren, genauso nasse Füße hatten wie wir, da diese ebenso zuverlässig von oben gefüllt wurden, wie unsere Trekkingstiefel von unten. Und dennoch trieben uns die Führer an, denn das Tageslicht ist bemessen unter dem Blätterdach des Regenwaldes. Wir versuchten auch wahrhaftig dranzubleiben, denn Panik wallte sofort in uns auf, verloren wir den Vordermann für einige Sekunden aus den Augen. Hier möchte niemand allein zurückbleiben.

Nachdem wir uns auf diese Weise etwa vier Stunden fortbewegt hatten, wurde uns von den Fährtensuchern signalisiert, daß die Gorillas in der Nähe seien, worauf frische Kotspuren hinwiesen. Der Ranger nahm uns unsere Macheten ab, um sicherzugehen, daß im Falle eines Angriffs der Gorillas kein panischer Tourist diese als Waffe gegen die letzten Devisenbringer des Landes einsetzen würde. Dann näherten wir uns vorsichtig an. Man hatte uns vorher angewiesen, hektische Bewegungen zu vermeiden und den Gorillas nicht direkt in die Augen zu blicken, was diese als Provokation empfinden. Im Falle eines Angriffs sei es ratsam, auf keinen Fall davonzulaufen sondern sich auf den Boden fallen zu lassen und durch diese Demutsgeste den Zorn der Gorillas zu besänftigen. Obwohl Gorillas friedfertige Wesen sind, sind sie Dank ihrer immensen Größe und Kraft und ihres mächtigen Gebisses in Lage, Menschen lebensgefährliche Verletzungen beizubringen. Diese Übergriffe sind jedoch extrem selten und wurden stets durch provokantes Verhalten der Menschen ausgelöst, die z.B. der Versuchung nicht widerstehen konnten, Gorillas, die sich mitunter bis auf Armlänge annähern, zu berühren.

Urplötzlich standen wir mitten in einer ca. 8-10 Tiere starken Gruppe. Dieses unerwartete Zusammentreffen erschreckte nicht nur uns, sondern auch die Gorillas, die einige Meter unter Ausstoßen grimmiger Drohungen in das Dickicht zurückwichen und uns dann mißtrauisch musterten. Das Gefühl, nach einer Reise um die halbe Welt und einigen Strapazen plötzlich Auge in Auge und auf eine Distanz von unter 2 m seinen engsten, tierischen Verwandten gegenüberzustehen, ist einfach unbeschreiblich.

Die Gorillas, die Kontakte mit Menschen bereits erlebt haben, sind zwar äußerst scheu und zurückhaltend, doch andererseits auch unwahrscheinlich neugierig. Dadurch werden zwischen Mensch und Tier regelrecht Blicke ausgetauscht, die, wenn sie von demütigen Gesten begleitet sind, auch nicht zu Aggressionen führen. Nicht selten werden Menschen sogar, meist von Jungtieren, angefaßt und begutachtet. Um keine Unklarheiten über die Machtverhältnisse aufkommen zu lassen, richtete sich der Anführer, ein riesiger Schwarzrücken, zu seiner vollen Größe auf und trommelte mit den Fäusten auf seine muskelbepackte Brust, was uns gehörigen Respekt einflößte. Da seine Drohung damit ihre gewünschte Wirkung erzielt hatte, ließ er sich bequem ins Gras sinken und betrachtete uns nachdenklich, das Kinn auf den Ellenbogen aufgestützt. Leider durften wir uns nur eine gute halbe Stunde in der Gruppe aufhalten, da dies zum Schutz der Tiere so vorgeschrieben ist, und da wir noch einen sehr weiten und beschwerlichen Rückweg vor uns hatten. Dabei mußten uns unsere Begleiter regelrecht wegzerren, da man sich einfach nicht losreißen kann von den ausdrucksvollen Gesichtern, den interessierten Blicken und dem urkomischen, weil so menschlichen Verhalten der Primaten. Ich glaube es ist nicht übertrieben zu behaupten, daß jeder, dem ein solches Zusammentreffen vergönnt ist, dieses zu den Schlüsselmomenten in seinem Leben zählen wird, die ihm unvergessen bleiben.

Leider sind die Gorillas heute durch Krieg, Wilderei und Zerstörung ihres Lebensraumes mehr gefährdet als je zuvor. Der Populationsdruck der Menschen, die für ihre ständig wachsende Zahl immer mehr des fruchtbaren Lebensraumes der Virunga-Berge beanspruchen, lastet schwer auf den Gorillas, die sich in immer höhere und für sie ungeeignetere Lebensräume zurückziehen müssen. Ebenso fordert die Wilderei durch hungrige Flüchtlinge aus Ruanda einen hohen Blutzoll. In ihren Schlingen, die zum Fang von anderem Wild gestellt werden, verfangen sich oft die Gorillas und sterben einen qualvollen Tod oder erleiden schlimme Verstümmelungen. Dies konnten wir mit eigenen Augen sehen, da einer der Gorillas einen Unterarm durch die Falle eines Wilderers verloren hatte. Die Einheimischen, soweit sie nicht im „Gorilla-Business" sind, teilen unsere westliche, romantisch-verklärte Ansicht über die Gorillas nicht. Für sie sind diese nicht die Könige des Regenwaldes, unser Spiegelbild im Tierreich, sondern Konkurrenten um Nahrung und Lebensraum, ja Verdrängungsfeinde in der Evolution. Wer ihre bittere Armut gesehen hat, kann ihnen diese Haltung nicht verdenken. Die Liebe zur Schöpfung setzt einen vollen Bauch voraus.

Wie es langfristig mit den Berggorillas im Virunga-Nationalpark weitergehen wird, ist völlig offen. Wie erwähnt, gehört dieser Park zu drei Ländern, in denen Völkermord im großen Stil seit langem an der Tagesordnung ist. So ist es nicht verwunderlich, daß dort dem Schicksal einiger hundert Primaten kein großes Gewicht beigemessen wird. Das Einzige was sie wirksam und auf Dauer schützen kann, ist die Aussicht, durch sie Touristen-Dollars in das Land zu holen. Vor dem Ausbrechen des Bürgerkrieges waren die Gorillas für den kleinen Staat Ruanda immerhin die drittgrößte Einnahmequelle. Trotz aller internationalen Bemühungen ist die Gesamtpopulation der Berggorillas heute auf etwa 600 Tiere zusammengeschrumpft.

Als wir zu der Schutzhütte, die übrigens von der zoologischen Gesellschaft Frankfurt errichtet und während des jüngsten Krieges völlig ausgeplündert worden war, zurückgekehrt waren, lernten wir einen weiteren Wildhüter kennen. Zu unserer Verblüffung verfügte er in diesem Land, das dem Mittelalter näher als der Neuzeit ist, über ein großformatiges Satellitenphoto des Parks, auf dem jeder Gorilla mit GPS-Koordinaten an seinem letzten, dokumentierten Standort eingezeichnet war. Auf unser Erstaunen ob dieses technischen Standards meinte er nur: „ Unser neuer Präsident weiß ganz genau, wie er sich in Europa und Amerika beliebt machen kann. Wenn er gut zu den Gorillas ist, und für Ihre Erhaltung viel Geld ausgibt, ist er für eure Medien ein guter Präsident. Was er mit uns Menschen hier macht, danach kräht doch kein Hahn...".

INFOS zum Kongo:

 

Allgemein: Die Situation im Kongo ist immer noch als sehr unsicher und instabil einzustufen. Vor einem Besuch des Landes sollten daher aus verschiedenen Quellen Informationen über die aktuelle Lage eingeholt und im eigenen Interesse sehr kritisch bewertet werden!

Sprache: Offizielle Landessprache ist Französisch, jedoch sind im Osten auch Swahili und ein wenig Englisch verbreitet. Die Sprache der Militärs ist Lingala.

Visa: Theoretisch sind Visa in den konsularischen Vertretungen der Demokratischen Republik Kongo erhältlich, werden derzeit jedoch auf Grund der Sicherheitslage nicht an Touristen ausgegeben. Bei Verfügbarkeit kostet ein Visum für einen Monat und einmalige Einreise USD 75. Für ein Tagesvisum zum Besuch der Gorillas im Virunga-Nationalpark, das nur an der Grenze Uganda/Kongo in Bunagana ausgestellt wird, werden USD 50 fällig. Dies ist pure Geldschneiderei, aber nicht zu vermeiden. Visa für Uganda werden direkt bei der Einreise gratis ausgestellt.

Gorilla-Permits: Gorilla-Treks im Virunga-Nationalpark sind ganzjährig möglich, soweit es die politische Situation erlaubt. Nicht teilnehmen dürfen grundsätzlich Kinder unter 15 Jahren und Kranke (s.u. Gesundheit). Vor dem letzten Umsturz konnten Reservierungen für Treks im Institut Zariois por la Conservation de la Nature in Bukavu gemacht werden, da die Zahl der Trekker pro Tag streng reglementiert ist. Zur Zeit kann man an der Grenzstation in Bunagana Reservierungen für den folgenden Tag machen. Ein Park-Permit für den Virunga-NP kostet USD 45 für 7 Tage ohne, und USD 125 mit dem Besuch der Gorillas. Theoretisch kann man sich mit dem Permit 7 Tage im Park aufhalten, jedoch dürfen die Gorillas nur einmal besucht werden. Sollte die Suche nach den Gorillas erfolglos verlaufen, kann der Trek am nächsten Tag wiederholt werden. Filmen mit einer Videokamera kostet USD 25 extra. Da die Park-Ranger und Fährtensucher trotz der hohen Gebühren nur einen Hungerlohn erhalten, wird ein Trinkgeld von ca. USD 2 pro Person und Trekker erwartet. Prinzipiell möglich sind Gorilla-Treks außer im Virunga-Nationalpark noch im Bwindi Impenetrable Forest und im Mgahinga Gorilla National Park (Uganda), sowie im Parc National des Volcans (Ruanda). Des weiteren besteht die Möglichkeit im kongolesischen Parc National de Kahuzi-Biéga die ebenso eindrucksvollen, östlichen Flachlandgorillas (Gorilla gorilla graueri) zu besuchen.

Geld: Die einzigen, akzeptiertenen Währungen im Congo sind der US-Dollar (USD) und ugandische Schillinge (USh). Sie werden überall mit Begeisterung entgegengenommen. Die Landeswährung, der Nouveau Zaire, ist bei einer vierstelligen Inflationsrate das Papier nicht wert, auf das er gedruckt wird. Kinder verkaufen die alten Scheine, die das Konterfei Mobutus zeigen, als Souvenirs an Touristen (gegen Dollar). Wie im Nachkriegsdeutschland die Zigarettenwährung, gibt es im Kongo eine Bierwährung. Eine Flasche des Nationalgetränkes „Primus" entspricht im Wert etwa 1 USD.

Elektizität: Theoretisch: 240 V. Praktisch: Nicht vorhanden.

Zeit: GMT plus zwei Stunden

Klima: Die Hauptregenzeit erstreckt sich von Mitte März bis Mitte Mai, die Saison der kurzen Regenstürme von Mitte September bis Mitte Dezember. Dazwischen ist das Wetter mehr oder weniger trocken. In den Hochlagen des Virunga-Parks ist ganzjährig mit teilweise heftigen Niederschlägen zu rechnen. Außerdem ist es hier auch merklich kühler als z.B. in Kisoro.

Ausrüstung: Für das Gorilla-Trekking gilt das Gleiche, was auch für Trekking in vergleichbaren Höhen in Europa gilt: Man muß ausrüstungsmäßig auf jedes Wetter vorbereitet sein (außer auf Schnee). Nützlich sind außerdem: dünne Garten-Handschuhe gegen die Dornen, Gore-Tex Ausrüstung, wasserdichter Überzug für den Rucksack.

Photographieren: Ideal wäre eine wasserdichte Kamera, ansonsten muß man sich mit Plastikbeuteln behelfen. Achtung: Im ganzen Grenzgebiet Ruanda, Kongo, Uganda sind sowohl die Uniformträger als auch die Zivilbevölkerung recht hysterisch in Bezug auf Photographieren. Alles was nur im entferntesten von strategischer Bedeutung sein könnte (Brücken, Ämter, Soldaten etc.) darf nicht photographiert werden! Da beim Gorilla-Trekking nicht geblitzt werden darf und das Licht im Wald recht spärlich ist, unbedingt ASA 1600, mindestens aber ASA 800 -Filme schon aus Europa mitnehmen!

Literatur: Lonely Planet East Africa, Ilija Trojanow und Michael Martin Naturwunder Ostafrika, Dian Fossey Gorillas im Nebel., Redmond O´Hanlon Kongofieber, Joseph Conrad Das Herz der Finsternis, Karten: Nelles Maps Uganda (1:700.000) und Tanzania, Ruanda, Burundi (1:1,5 Mio), TPC: Blatt M4B (1:500.000).

Gesundheit: Vor allem hohe Gefährdung durch Malaria! Prophylaxe mit Mefloquin (Lariam®) ist unerläßlich! Gelbfieber-, Polio-, Hepatitis A-/B- und Typhus-Impfungen werden empfohlen. Wer krank ist (vor allem Erkältungen) darf die Gorillas nicht besuchen, da diese gegenüber menschlichen Krankheitserregern sehr empfindlich sind.

Anreise: Derzeit nur über Uganda. Flüge von Europa direkt nach Entebbe mit Lufthansa, British Airways oder Sabena sind bequem, aber teuer. Wesentlich günstigere Tarife erhält man beim Flug über Nairobi (Kenia) z.B. mit Lufthansa, Air France, KLM, Kenya Airways u.v.a.. Für den Transport über Land von Entebbe/Kampala nach Kisoro und zur Grenzstation Bunagana stehen Busse (6 Stunden, 8000 USh), Matatus (Sammeltaxis, 10000 USh), LKWs (auf der Pritsche) oder Privattaxis zur Verfügung. Preise sind Verhandlungssache.

Unterkunft: In Kisoro kann auf der Rugigana Tourist Valley Camp Site gecampt werden ( USh 1500 p.P.).

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