"Erfahrung Afrika"(12)

Das Buch vom

Zebrastreifen Verlag

Zimbabwe

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Zimbabwe ist zu unserer Zeit in Afrika - ganz einfach gesagt - der Traum eines jeden Individualtouristen. Wie kein anderes Land Afrikas verwöhnt es den Reisenden mit spektakulären Landschaften, grossartigen, weitgehend unregulierten und preiswerten Nationalparks und einer Herzlichkeit der Menschen, die wir in weiten Teilen des südlichen Afrikas schmerzhaft vermissten. Sicherlich finden sich auch hier Schattenseiten, aber bis heute ist uns Zimbabwe als das schönste Stück Afrika in Erinnerung geblieben, das wir zu sehen bekamen. Und das nicht nur wegen Mana Pools, dem Hwange Park, den Great Zimbabwe Ruins, dem Matusadona Park, den Eastern Highlands.....

oder den gewaltigen Viktoria Fällen.

Der Eindruck, den die Fälle bei unserem zweiten Besuch hinterlassen, ist gewaltiger als im Vorjahr während der Trockenzeit. Die Erde scheint unter der Wucht der Wassermassen zu beben. Die Gischt steigt weit in den makellos blauen Himmel auf, aber die Fälle sind nicht mehr das gewohnte, optische Erlebnis. Der Canyon wird vom Wasserdampf völlig eingehüllt. Wir geniessen die grösste Open-Air-Dusche Afrikas und haben unseren Spass dabei. Besonders amüsant ist der Weg zum Ausgang, als uns einige geführte Touren edel bekleideter Luxustouristen entgegenkommen und uns auslachen, dass wir so nass sind.

1)

Sie vertrauen auf ihre Reiseleitung mit Regenschirmen für jedermann. Wir können unser Lächeln nicht unterdrücken, wenn wir an all die teuren Lederschuhe, Krawatten, Kostüme und wohlaufgelegtes Make-up denken. Eigentlich sollten wir noch mal zurückgehen und das Schauspiel verfolgen, wenn einem die erste Windböe das Wasser um die Ohren schlägt. Wasser scheint in der Nähe der Fälle von allen Seiten zu kommen. Regenschirm oder Regencape sind vollkommen zwecklos. Aber die Wassermassen hinterlassen bei uns einen bleibenderen Eindruck als die schön anzuschauenden Regenbögen in der Trockenzeit. "Der Rauch, der donnert" ist die Erfahrung entfesselter Naturgewalten.

Nach der Übernachtung an einer Tankstelle, bei der wir die abgefahrenen, hinteren Reifen endlich wechseln, gelangen wir über endlose, schmale Lehmpisten in den Gonarezhou-Nationalpark an der Grenze zu Mosambik. Der Park ist ein wahres Kleinod unter den afrikanischen Naturschutzgebieten. Die Landschaft wechselt zwischen dicht bewachsener Grassavanne, Baobabwäldern und ausser-gewöhnlich schönen Felsformationen. Nach erbitterten Bürgerkriegen beiderseits der Grenze und langjähriger Wilderei sind die Tiere in dem Park zwar noch immer extrem scheu und flüchten beim leisesten Fahrzeuggeräusch, dennoch verlieben wir uns in diesen Park. Er scheint uns alleine zu "gehören". Neben den aufgeschlossenen Rangern und Platzangestellten sind wir die einzigen Menschen im Park. Der Gonarezhou ist so abgelegen und wird so selten besucht, dass viele der kleinen Pisten im Park überwachsen sind. Auf einigen Strecken verläuft sich die Fahrspur im hohen Gras der Savanne. Nicht selten stehen die Halme bis weit über die Motorhaube. Die schweren Ähren peitschen auf Stossstange und Kühlergrill und nur die feinmaschige Edelstahlgaze verhindert, dass unser Kühler bald verstopft ist. An einem Matschloch stossen wir auf Elefantenspuren und -knödel. Durch das Unterholz verschwindet lautlos eine Gruppe Impalas. Ich stoppe den Motor und wir lauschen durch die geöffneten Fenster hinaus in die Natur. Nach einer Weile beginnen Äste in einem gleichbleibenden Rhythmus zu knacken. Ganz in der Nähe muss der Elefant stehen und sein Mittagessen einnehmen. Das mächtige Tier bedient sich an Büschen und Bäumen, von denen er mit Vorliebe die Rinde abzieht. Sehen können wir den grauen Riesen aber nicht. Obwohl nur wenige Meter entfernt, bleibt er in der dichten Vegetation verborgen.

2)

Lediglich die leisen Geräusche und der strenge Geruch, den der laue Wind zu uns trägt, verraten seine Anwesenheit. Mit etwas Orientierungssinn finden wir zurück auf den richtigen Weg und pirschen weiter durch Wälder und Wiesen.

Fenster in den Wolken

Great Zimbabwe Ruins

Der Regen, dieser lästige Geselle, lauert uns schon wieder auf. Er jagt uns kreuz und quer durch das Land, bis wir entnervt aufgeben und beschliessen, an den Great Zimbabwe Ruins das Wetter auszusitzen. Auf dem Camping finden wir für unser Bodenzelt einen trockenen Unterstand in einer offenen Picknick-Hütte. Dass wir das Gebäude unverfroren in Besitz nehmen, kann niemanden stören. Während dieser nassen Tage sind wir die einzigen Gäste auf dem Camping. Ausser einigen frechen Pavianen ist niemand willens, die unter Wasser stehende und versumpfte Wiese mit uns zu teilen. Am Camping warten wir auf besseres Wetter und nutzen jede Wolkenlücke zu einem kurzen Ausflug in die Ruinen. Great Zimbabwe ist das einzige grosse Zeugnis vergangener Hochkulturen südlich der Sahara und trotz des miserablen Wetters eine echte Bereicherung unserer Reise: seit Nordafrika hatten wir mangels historischer Stätten und Städte zunehmend unter "Kulturarmut" gelitten. Die weitläufigen Anlagen vermitteln eine ganz eigene, fast mystische Faszination. Die von Moos und Flechten überzogenen Steine sind zu fugenlosen, perfekten Mauern aufgeschichtet. Die Rundburg, die in ihrer Form eher nach Irland oder Schottland passen würde, ist ein Teil der bisher nicht geklärten Geschichte Afrikas. Trotz grosser Forschungsanstrengungen konnte bis heute nicht zweifelsfrei ergründet werden, wo die Ursprünge der eindrucksvollen Königsstadt liegen.

3)

Elefanten im Hwange Park

Wir warten. Neben dem grossen Wasserloch liegen einige verbliebene Regenpfützen in unserem Blickfeld. Wir lehnen uns zurück, legen den Fotoapparat weg und beschränken uns auf unsere eigenen Sinne. Horchend, riechend und sehend suchen wir unsere Umwelt zu durchdringen, prägen uns auch nebensächliche Einzelheiten ein, die das perfekte Gesamtbild erst als solches erscheinen lassen. Die Zeit und unseren Eisenkäfig aus dem Auge verloren, wandeln wir uns vom Betrachter zu einem Teil der Natur. Kudu, Hartebeest, Impala und eine Pferdeantilope ziehen an uns vorbei. Wir stören sie nicht und dürfen ihre Nähe geniessen. Als die Sonne den Horizont berührt, betritt eine grosse Elefantenherde vor dem rot gefärbten Himmel die Ebene und beginnt, sich an den Schlammpfützen zu vergnügen. Unaufhaltsam überdecken die kalten Farben der Nacht die wärmenden Sonnenstrahlen. Schon bald spiegelt sich der Vollmond im Wasser des kleinen Tümpels und führt uns die Elefantenherde als ein Spiel mit Scherenschnitten vor. Der Frieden in dieser Landschaft lässt eine vollkommene Harmonie in uns aufsteigen. Nur an wenigen Stellen der Erde gleicht das Leben einem solch ruhigen Fluss.

Morgenrot in den Eastern Highlands

Der Reisewecker reisst uns aus den Träumen und fordert in seiner unnachahmlichen Art, die am Vortag gefassten Pläne umzusetzen. Die Nacht ist noch finster. Als wir frierend das Dachzelt öffnen, steht das Aussenthermometer einen Hauch über dem Gefrierpunkt. Unsere Gänsehaut verstecken wir unter Pullovern, Faserpelzen und Mützen. Dann brechen wir schnatternd auf, den Sonnenaufgang an den 642 Meter hohen Mtrazi Wasserfällen zu erleben. Die Wiesen und Sträucher sind noch mit Rauhreif bedeckt, als wir an der Abbruchkante der Eastern Highlands ankommen. Steil, fast senkrecht fällt der mächtige Fels in das Pungwe Tal hinab. Am Horizont zeichnen sich die schwarzen Umrisse der Gorongosa-Berge in Mosambik ab. Wir warten auf einen neuen Tag, atmen die klare, schneidende Luft ein und lauschen der vollkommenen Stille. Auch Tiere und Pflanzen halten inne, erwarten voller Ungeduld die Erlösung aus der eiskalten Nacht.

4)

Der Horizont verfärbt sich. Dunkelrot beginnt die Lufthülle im Osten zu glühen. Mit jedem Atemzug dreht uns der kleine Planet seiner unerschöpflichen Lebensquelle entgegen. In unaufhaltsamen Wellen überschwemmen warme Farben das Himmelsgewölbe. Winzig klein halten wir uns auf der Spitze des gewaltigen Felsens, stehen unserem Sprachvermögen beraubt dem geräuschlosen Zauber der Gestirne gegenüber. Ein Lichtstrahl lässt den Horizont explodieren. Wir fühlen die Wärme der Sonne auf unserem Gesicht. Die Tierwelt erhebt sich aus der Nacht. Stimmen aller Lebewesen schreien es heraus: "Ein neuer Tag beginnt!" Betäubt verharren wir noch einige Minuten und folgen fassungslos dem Lauf der Sonne, die bereits hoch über dem Horizont steht. Die Farben sind verschwunden. Die Atmosphäre präsentiert sich zunächst grau und dunstig, aber schon nach unserem Frühstück strahlt der Himmel in einem Blau, das es sonst nur auf Erden gibt, wenn sich das Licht der Sonne in urzeitlichem Gletschereis bricht. Heute ist ein wunderschöner Tag.

Der Matusadona-Park ist auch jetzt in der Trockenzeit ohne Allrad auf dem Landweg nicht zu erreichen. Für die rund neunzig Kilometer lange Piste zum Tashinga Camp brauchen wir gut fünf Stunden. Erst nach Einbruch der Dunkelheit erreichen wir den Zeltplatz. Ohne jegliche Übersicht belegen wir den erstbesten Platz. Wie sich am Morgen herausstellt, hält der Camping einen besonders schönen Stellplatz für uns bereit. Etwas abgetrennt vom restlichen Gelände, stellen wir uns hinaus auf die Ausläufer einer Halbinsel, die in den Lake Kariba hineinreicht. Hier geniessen wir vom Dachzelt einen erhöhten Blick über den umliegenden See. Wie in den meisten Parks Simbabwes, ist auch Tashinga nicht eingezäunt und vermittelt uns das wunderbare Gefühl, mitten in der Natur zu stehen.

Blick auf den Matusadona Nationalpark bei einem Microlight Rundflug

5)

Wir liegen im Dachzelt, haben die Moskitonetze zur Abwehr der lästigen Blutsauger geschlossen und lauschen den Geräuschen der afrikanischen Nacht. Frösche, Grillen, Fledermäuse, Flusspferde, Elefanten, Löwen und viele andere mehr stimmen in das dirigentenlose Orchester ein. Auf wundersame Weise verschmelzen die Klänge der unendlich vielen Solisten zu einem einzigen, harmonischen Chor. Trotz der gewaltigen Geräuschkulisse finden wir schnell in den Schlaf. Gegen Mitternacht sind die Temperaturen am See wieder auf angenehmere Grade zurückgegangen. Ich ziehe mir den offenen Schlafsack über die Schulter und werde wach. Der Wind rauscht, aber die Luft steht regungslos im Zelt. "Woher kommt dieses Geräusch?" Das Rauschen verdichtet sich und schwillt zu einem nicht enden wollenden Donner an. Die Erde zittert. Ich wecke Joly. Aus dem richtungslosen Dunkel der Nacht brechen die Umrisse einer Herde Wasserbüffel. Wie eine fliegende Wand fallen die Tiere in das Camp ein. Acht Löwen jagen die von Panik erfassten Tiere durch unser Lager. Wir sind froh, bei dieser Stampede im Dachzelt und nicht am Boden zu liegen. Keine fünfzig Meter neben unserem Lager reissen die Löwen einen jungen Büffel. Die langgezogenen Schreie des armen Tieres hallen hilflos durch die Nacht. Obwohl brennend neugierig, bleiben wir brav im Dachzelt und verkneifen uns, zu Fuss nachzuschauen, was genau vorgeht. Wir wollen nicht als Dessert enden. Die wahre Attraktion am Lake Kariba sind aber die Sonnenauf- und untergänge. Das täglich wechselnde Farbspiel wird jeden, der über eine romantische Ader verfügt, in seinen Bann schlagen. Dabei steht die Farbpracht am Morgen dem abendlichen Schauspiel kaum nach. Ob in Pastelltönen oder glasklaren, harten Farben, jeden Abend zwingt uns die Szenerie zum Griff zur Kamera. Die abgestorbenen Bäume im aufgestauten See dienen dabei als perfekter Vordergrund für jeden Fotoenthusiasten.

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