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Obwohl wir den schwarzen Kontinent bereits für gut 2 Jahre erfahren hatten, lässt ein grosser weisser Fleck unsere Gedanken nicht ruhen. Unwiderstehlich lockt uns die Sahara zurück nach Afrika. Das grosse Sandmeer, das uns damals aufgrund der politischen Verhältnisse vorenthalten blieb, soll unser nächstes Urlaubsziel sein.

Da wir unverändert in Lohn und Brot stehen, bleiben aber nur die normierten vier Wochen Arbeitsabsenz. Zumindest für einen kleinen Abstecher in die grosse Wüste sollte das jedoch reichen. Nachdem Libyen die Visaanforderungen für Individualreisende erneut kompliziert hat, wenden wir uns Algerien zu. Eine Destination, die bei fast allen unseren Freunden und Kollegen (selbst denen mit Afrika Erfahrung) ziemliches Kopfschütteln und Fassungslosigkeit hervorruft. Finden sich doch mit erschreckender Regelmässigkeit seit Jahr und Tag Horrormeldungen über Greueltaten islamistischer Terroristen in den heimischen Gazetten. Seit 1991 befinden sich Teile des Landes in einem bürgerkriegsähnlichen Zustand, der 100.000 Menschen das Leben gekostet hat.

"Und da wollt Ihr Urlaub machen?"

Informationen anderer Saharafahrer, insbesondere derer, die bereits seit Jahren wieder Algerien bereisen, bestärken uns, das Reiseziel beizubehalten. Die grobe Richtung heisst Tamanrasset und - wenn die Zeit es erlaubt - auch Djanet. Der Gedanke, dass Algerien ein riesiges Land ist (7x grösser als Deutschland), die Unruhen bislang ausschliesslich die Küstenregion betroffen hat und in der Wüste bislang keine Touristen durch Islamisten zu Schaden gekommen sind, beruhigt uns. Nicht aber Eltern, Verwandte und Bekannte.

Dann, sechs Wochen vor der Abreise: der 11. September 2001. Auch wir sitzen fassungslos vor den Bildschirmen, können die Tragödie in New York kaum fassen. "Das soll die Realität sein?" Erst nach Tagen beginnen wir wieder, normal zu denken. Die Gedanken kehren nur mühsam zum Urlaub zurück. Funk- und Fernsehanstalten decken uns von morgens bis abends mit Bildern der Gewalt und der Zerstörung zu. Jubelnde Palästinenser im Wechselspiel mit grauhaarigen Nahostkennern, die in bedeutungsschwangeren Worten von einem Zusammenstoss der Kulturen sprechen. Und wir wollen nach Algerien???

Die Fähre ist lange gebucht, die Visa sind in den Pässen und anstatt Urlaubsgefühle zu entwickeln, sehen wir uns den Warnungen, Sorgen und Beschuldigungen unserer Umwelt ausgesetzt. Ob wir noch alle Tassen im Schrank hätten, ist noch die schriftlich am besten wiederzugebende Reaktion. Wir besprechen uns mit unseren Reisepartnern und sind auch zu viert ratlos. Amerika beginnt mit der Bombardierung Afghanistans. Die Zweifel wachsen und wir finden uns schon mit einem Urlaub auf Djerba ab.

Wir fahren nach Genua. Die Erfahrung sagt uns, dass das Medienspektakel nicht die tatsächlichen Verhältnisse in den islamischen Ländern wiedergibt. 99 Prozent der Bevölkerung stehen dem Reisenden freundlich oder zumindest neutral gegenüber. Und wenn man schon über Risiken spricht, dann ist (zumindest empirisch gesehen) der Strassenverkehr das mit Abstand grösste Risiko einer Fahrt nach Afrika.

Erleichtert stellen wir an der Fähre fest, dass rund 50 Fahrzeuge anderer Afrikafahrer auf die Verschiffung warten. Jedermann fühlt sich in Gegen- wart des nächsten wohler. Alle zusammen können wir doch nicht irren und das Risiko so unterschätzen?

Nur vier Wochen Reise liegen vor uns. Und es sollten die vier grossartigsten Wochen werden, die wir in Nordafrika bislang erleben durften.

Die "Carthage" erreicht Tunis. Wir mögen kaum glauben, auf einem afrikanischen Schiff gereist zu sein. Saubere Kabinen, perfekter Service, selbst die Einreiseformalitäten können an Bord erledigt werden. Und erst spät entlockt uns die ausufernde Stempeljagd durch den bürokratischer Irrgarten einen kleinen Seufzer: Afrika!

Kaum hat die Fähre angelegt, können wir das Hafengelände nahezu unbehelligt verlassen. Die Freude währt, bis uns der Kassierer an der Autobahnmautstelle den sechsfachen Preis des üblichen abknöpft. Wir schauen zwar ungläubig, zahlen das Lehrgeld aber dennoch. Dann erinnern wir uns der Erfahrungen, die uns Afrika bereits früher gelehrt hatte. Es sollte keine weiteren "Missverständnisse" geben.

Tunesien durchqueren wir in einem Atemzug. Zum nächsten Abend stehen wir bereits in Taleb Larbi und warten auf die algerische Grenzabfertigung. Das Zollgebäude hat seine besten Tage schon lange hinter sich. Aber es kommt weniger auf den Schein als auf die Effizienz der Offiziellen an. Nur zwei Motorradfahrer bitten wie wir um Einlass und werden ebenso freundlich und schnell bedient wie wir. Bis auch das Geld getauscht und eine Kfz-Versicherung abgeschlossen ist, vergehen zwar gute 2 Stunden, aber für eine nordafrikanische Grenze ist das nahezu rekord- verdächtig.

Das schmale Asphaltband trägt uns weitere 800 Kilometer bis nach Hassi Bel Guebbour, einer trostlosen Zapfsäule am Ende dieser Welt. Dreieinhalb Tagen nach unserer Abreise stehen wir an der Pforte zur Sahara!

In 4Chemins passieren wir die letzte (gewohnt freundliche) Militärkontrolle und werden in die Wüste entlassen. Etwas irritiert müssen wir uns zunächst daran gewöhnen, den weiteren Routenverlauf aus Spuren, GPS-Punkten und geographischen Karten zu lesen. Afrika fordert vom Reisenden die Eigenverantwortlichkeit. In der Bequemlichkeit zu Hause hatten wir das fast vergessen.

Zunächst unspektakulär windet sich die wellblechgespickte Piste durch die trostlose Gegend. Die Sonne brennt unbarmherzig vom Himmel und raubt alle uns Lebenskraft. Erste Zweifel kommen auf. "Wären wir nicht vielleicht besser...."

Die Anfahrt zum Gara Kanfoussa beendet allen Zweifel. Der Sand erhebt sich aus der Ebene und durchläuft verschiedene Farb- und Höhenstufen bis zum Horizont. Der Boden wird tief und wir müssen Luft aus den Reifen lassen. Der 4.2 Liter Diesel treibt uns nach vorne auf die erste Düne und hinab in das folgende Tal. Nur nicht übermütig werden! Eine Düne weiter hat uns die Faszination der Wüste bereits eingeholt. Auch der immer tiefer werdende Sand vermag unser Freiheitsgefühl nicht bremsen. Zum ersten mal erreicht das Gaspedal den Boden. Der Wagen arbeitet sich eine mächtige Düne hinauf. Kurz vor der Kuppe ist der Sand dann doch stärker als die 135 japanischen Pferdchen. Bei 3.4 Tonnen Gewicht ist das aber auch kein Drama. Noch weniger Druck auf den Reifen und schon liegt auch dieser Sandhügel hinter uns. Bald hebt sich schwarz und majestätisch die abgeschliffene Kuppe des Gara Kanfoussa von der goldgelben Dünenlandschaft ab. "Ist die Wüste nicht schön?"

Wir lagern am Fusse des weitläufigen Berges, warten auf den Sonnenuntergang und beginnen die Sterne zu zählen, die vor Einbruch der Nacht sichtbar sind. Die Geräusche des Tages weicht aus unseren Köpfen. Nur das leise Kichern des Sandes ist zu hören, den der Wind in einem melodiösen Rhythmus über die Ebene treibt. Die Hektik der Anreise ist gewichen. Der Zweifel, ob wir in "nur" vier Wochen überhaupt etwas von der Sahara sehen können ist verschwunden. Schon dieser eine Abend rechtfertigt alle Strapazen der Anfahrt. Fern aller irritierenden Einflüsse der modernen Gesellschaft finden wir die Ruhe, unser Leben wieder auf das wesentliche zu beschränken. Wir lauschen noch einer Weile der Stille, beobachten, wie Sternschnuppen in der Erdhülle verglühen und gehen zu Bett. Zu Hause flimmert jetzt die Tagesschau über den Schirm. Mit den neuesten Kriegsbildern aus Afghanistan. Aber das ist weit weg, so weit, wie der ganze Rest der Welt.

Die Sonne feuert den Boden an und wir suchen den südlichen Ausgang aus dem Dünengürtel. Zeitweise kommt es uns vor, als ob wir mehr Dünen zu Fuss ablaufen, als dass wir die richtige Strecke führen. Nur mühsam bewegen wir uns auf die Koordinaten zu, die das Ziel markieren. Und dennoch: es ist schön. Jede Düne, jedes Tal ist eine neue Welt, bietet neue Perspektiven und Ansichten des doch immer wiederkehrenden Elements: Sand. Mal hart, mal weich. Hier mit kleinen Mustern vom Wind verziert, dort von ausgedörrten Grashalmen durchzogen.

Unser unbeschwertes Dasein wird unvermittelt beendet, als uns ein algerischer Geologe aufgabelt und binnen Minuten zum Dünenende bringt. Dann muss er schon weiter, im nahen Ölbohrcamp wartet man auf ihn. Verkehrte Welt, waren wir es nicht, die so hektisch leben?

Nach Südwesten öffnet sich das Oued Essaoui Mellene. Wir mögen unseren Blick kaum von den bis 350 Meter hohen, roten Sanddünen des Erg Tiffernine lösen, aber auch das Oued bietet eine faszinierende Landschaft. Akazienreihen und Barrieren aus niedrigen Sträuchern zwingen uns immer wieder einen neuen Weg zu suchen. Bald sehen wir einige Kamele und kurz darauf die ersten Antilopen. Obwohl mitten in der Wüste findet sich hier ein Paradies auf Erden.

Die Südumfahrung des Erg Tiffernine gestaltet sich etwas schwieriger als die Karte angedeutet hat. Die Spur der hinzugekommenen Gräberpiste verliert sich immer wieder im Sand, um uns bald über etliche Stufen auf schroffe Felsen zu führen. Aber nie wird die Landschaft eintönig. Alle paar Kilometer wechseln Untergrund und Landschaftsbild. Zum Abend scheint sich die Natur selbst übertrumpfen zu wollen. Über die Ebene verteilen sich einige Sicheldünen, die dem Formationsflug von Zugvögeln gleich in aerodynamischer Perfektion aufgereiht sind. Einen schöneren Nachtplatz wird man kaum finden.

Die Polizeikontrolle in Amguid ist mit einem Lächeln und einem Winken erledigt. Nach den Bergpassagen der Vortage erscheint die endlose Regebene südlich des Dorfes noch grösser als sie ohnehin ist. Wir müssen uns bremsen, um nicht der Verlockung der Geschwindigkeit zu erliegen. Ein ausgebranntes Autowrack mahnt eine langsamere Gangart an. Die Wassergräben und Hindernisse nehmen auf dem Weg zum Garet el Djenoun noch zu.

Obwohl man sich aus Reisebeschreibungen kein Bild machen kann, wie dieser "Fledermausberg" aussehen soll, ist er unverkennbar, wenn man ihn erst einmal sieht. Wir folgen der Teffedest-Ostumfahrung, verpassen zwar den Abzweig nach Dehine, finden zum Ausgleich aber symetrisch geformte Felskuppen kurz vor In Eker, die einen berauschenden Blick in das Umland gewähren.

Erst an der Zufahrt zum Flughafen von Tamanrasset stoppt uns wieder ein Polizist. An unseren Pässen ist er nicht interessiert. Er erkundigt sich, ob wir Probleme hatten und ob alles in Ordnung sei. "Bienvenue en algérie" und noch einen schönen Aufenthalt. Wir sind sprachlos.

Die korrupten Staatsdiener afrikanischer Länder im Gedächtnis stolpern wir von einer zur nächsten Situation, die uns in ihrer Freundlichkeit fast beschämt. Ob auf einer viel befahrenen Kreuzung der gesamte Verkehr angehalten wird, dass wir auch den richtigen Weg zur nächsten Tankstelle finden oder uns an selbiger - vorbei an der langen Schlange der LKW - ein Warte- platz in Nähe der Zapfsäulen geebnet wird; wir kommen kaum mit dem Danken nach, so freundlich begegnen uns die Menschen in Tamanrasset.

Der abendlichen Rundgang durch die Geschäfte und Souvenirläden der Innenstadt ist ein Erlebnis. Wir können in die Menge abtauchen, dürfen ungestört Waren anschauen und Geschäfte besuchen. Der typisch nordafrikanische Verfolgungswahn mit johlenden Kindermeuten oder aufdringlichen Händlern ist hier unbekannt. Zwar ist der Krieg in Afghanistan Thema auf der Strasse und in den Cafés. Aber es ist "ein Problem unter fremden Menschen". Vom Kampf der Kulturen keine Spur. Der Postkartenverkäufer ist glücklich, dass wir reichlich einkaufen. Er packt eine neue Lieferung aus und hofft auf bessere Zeiten. In Tamanrasset und auch sonstwo wollen die Menschen nur eines: Frieden.

Mit dem Taxi geht es bei zurück zum Camping. Unser Chauffeur ist sehr interessiert woher wir kommen. "Suisse?" "Oh, c´est bon. Tres bon!" Bei Ende der Fahrt stecken wir noch mitten in der Diskussion. Wieviele Präsidenten die Schweiz denn hätte, will unser Gegenüber wissen. "Sieben" kommt unser Antwort. "Ja, die Schweiz muss ein wahrlich reiches Land sein, wenn man sich sieben Präsidenten leisten kann." Mit dem guten Gefühl, nur für ein Staatsoberhaupt Steuern zahlen zu müssen wendet unser Taxifahrer und fährt zurück in die Stadt.

Das Hoggargebirge ist eines der Traumziele seit meiner Jugend. Die schroffe Ansammlung der verbliebenen Magmakegel ehemals mächtiger Vulkane ist wohl eine der markantesten Landschaften Afrikas. Langsam und vorsichtig bewegen wir die Wagen über die schmale Gebirgspiste, klettern Meter um Meter in die Höhe. Im Schatten der mächtigen Felstürme schrumpft der Mensch auf seine natürliche Grösse. Angesichts dieser urgewaltigen Landschaft erscheint der Mensch winzig und unbedeutend. Ehrfürchtig erreichen wir die Schutzhütte des Assekrem.

Wir verlassen das Lager und suchen die Stille des Abends auf dem benachbarten Berg. Die Wärme des Tages entweicht in den Orbit. Der Geruch der Kälte entweicht aus dem Gestein auf dem wir ruhen. Als die Sonne den Horizont berührt zeigt sich die Faszination einer Saharareise in ihrer ganzen epischen Breite. Auch in unserer schnelllebigen Gesellschaft ist das Bild der leuchtenden Hoggargipfel eine Erinnerung, die den Menschen nicht mehr verlassen wird. Warum die Einöde in solchen Momenten lebendiger erscheint als der Puls einer neonleuchtenden Metropole bleibt eine der unbeantworteten Fragen, die massgebliche Ursache für ausuferndes Fernweh sind.

Der nächste Morgen wird vom Zwiespalt der Gefühle beherrscht. So gebannt die Augen auch dem Sonnenaufgang am Horizont folgen, so sehr ist der Rest des Körpers eine einzige Frostbeule. Nach den Temperaturen der Vortage sind die morgendlichen Temperaturen von 2°C ein herber Tiefschlag. Wir flüchten in tiefere Regionen und fahren über eine schlechte Piste nach Hirhafok, um dort nach Osten zu wenden.

Die kleine Piste nach Ideles entpuppt sich unvermutet zu einem Hinderniss-Parcours. Der Weg selbst ist zwar in einem ordentlichen Zustand, aber in einem kleinen Dorf formieren sich schon kleine lästige Kraftmeier. Irgendwie scheint sich das Bewerfen von vorbeifahrenden Autos mit Steinen bei Kindern im Vorschulalter zum bevorzugten Zeitvertreib zu entwickeln. Das ist kein algerisches Problem, sondern auch in vielen anderen Ländern bekannt, ändert aber nichts an der Tatsache, dass es zu erheblichen Schäden oder gar Unfällen kommen kann. Während bei Autos eine zersplitterte Front oder Heckscheibe riskiert wird, sind diese Angriffe für Motorradfahrer mitunter sehr schmerzhaft.

In der Türkei erklärte uns einmal ein Dorfbewohner, dies sei die Rache der besitzlosen Kinder an "den Reichen". Komisch nur, dass vornehmlich Fahrzeuge von Ausländern beworfen werden. Einheimische Wagen passieren meist unbehelligt.

Erneut stehen wir vor der Frage, wie wir uns verhalten sollen. Es gibt verschiedene Taktiken. Am besten ist wohl langsam fahren und mit der Faust drohen. Das schreckt (noch) ab. Wird ein Stein geworfen, sollte man auch zurücksetzen und den Täter einen Schreck versetzen. Meist reicht das Aufblinken der Bremslichter, um die Kindermeute zu verscheuchen. Fragt man ältere Leute oder Polizeibeamte, ob dieses Problem nicht zu beheben sei, erntet man meistens verlegene Ausflüchte. Abhilfe tut aber Not, denn sonst droht sich das Interesse der wenigen Touristen, die Algerien besuchen auf die Natur zu beschränken. Die Städte werden als lästig empfunden und nur noch zum Einkauf oder Auftanken besucht. Das wäre sehr schade, denn die Kontakte mit der einheimischen Bevölkerung sind unverzichtbarer Teil einer erfüllten Reise.

Zwei Tage später passieren wir Serouenout, einen kleinen Aussenposten des algerischen Militärs auf halbem Weg nach Djanet. Zwischen kleinen lehmigen Gebäuden verbergen sich einige nagelneue Toyota Pickup. Von hier werden rund 160.000 qkm Wüste überwacht. Zwei Soldaten grüssen freundlich und werfen einen kurzen Blick in die Pässe. Small Talk. "Warm heute", "Nein, Nein" kommt die Antwort. "Es ist kühl". Wir begegnen: "Bei uns zu Hause, da ist es jetzt kühl". Allgemeines Lachen. "Bonne route". Wir fühlen uns vom Militär gut behütet und zweigen von der Piste in Richtung Osten ab. Auf gerader Linie steuern wir Djanet an.

Nach einer nahezu endlosen Ebene tauchen am Horizont die mächtigen Dünen des Erg Admer auf. Noch bevor der Sand tief wird, passieren wir einen eigentümlichen Berg. Die wahllos aufgetürmten Felsblöcke sind der Rest eines einstigen Vulkans. Der Ausblick aus der Höhe offenbart eine grandiose Übersicht über weitere Hügel in der Umgebung. Einer schwarzen Perlenkette gleich reihen sie sich auf und durchziehen den gelben Wüstenboden. Die Abendsonne überdeckt den Berg mit einem roten, samtenen Licht. Die wahre Faszination dieser Berge ist aber ihr Echo. Sieht man die Form dieser Hügel kann man sich schwer vorstellen, wo die Schallwellen reflektiert werden sollen. Die vielen Hohlen und Hohlräume sorgen aber für solch glasklare Töne, wie wir sie in den heimischen Alpen noch nie gehört haben.

Die Passage durch den Erg Admer ist technisch nicht sehr schwierig, fordert den Fahrzeugen aber alle Motorkraft ab. Der Untergrund scheint bodenlos zu sein. In tiefen Furchen schneiden die nahezu platten Reifen durch den gelben Sand. Einmal scheint der mächtige Motor fast zu scheitern. Dann erreichen wir den Höhenzug des Sandmeeres und erfreuen uns einer gewaltigen Aussicht.

An der Tankstelle in Djanet kommen wir mit einem jungen Touareg ins Gespräch. Ob wir eine schöne und problemlose Reise bislang hatten, ist seine erste Frage. Wir besprechen die Route und zeigen unsere Freude an diesem grandiosen Land. Der 11. September ist bald Gesprächsstoff. Der junge Algerier ist ebenso bestürzt wie wir über die Anschläge. Einen Sinn mag er ihnen nicht abgewinnen. Aber er merkt die negativen Folgen. "Die Buchungen der geführten Touren sind drastisch. Und gerade in dem Moment, da sich der Tourismus von seinem jahrelangen Niedergang in Folge der Touareg-Aufstände Anfang der 90ger Jahre zu erholen begann." Seiner Kritik an der europäischen Medien, die sehr undifferenziert über den Islam berichten, können wir uns nur anschliessen. Vom Kampf der Kulturen fehlt jede Spur. Die Gastfreundschaft hingegen ist für den Mitteleuropäer nahezu beschämend.

Nach einem Abstecher in das Tassili Gebirge kehren wir über den östlichen Teil der Gräberpiste zurück nach Hassi Bel Guebbour. Nach drei Wochen in der algerischen Sahara stehen wir am Ausgangspunkt unserer kleinen Rundreise. Schon am nächsten Abend schliesst sich das Grenztor hinter uns. Wir fahren durch die Nacht und sehen von weitem die helle Strassenbeleuchtung von Tozeur. "Ah, Europa".

Wie schnell sich doch die Wahrnehmung der Realität verändert, wenn man nur ein wenig den eigenen Standpunkt ändert.

Was also mögen uns die heimischen Medien von Algerien vermitteln können, wenn die Wahrheit keine marktschreierische Schlagzeile ist. Vermutlich wenig. So ein Vorurteil der Grund, dass Algerien noch lange bleibt, was es ist. Ein Traumziel für Individualtouristen, die eigen- verantwortlich und umsichtig reisen können. Dem Massen- tourismus wird die algerische Wüste auch weiterhin verschlossen bleiben. Und das ist gut so.

Bevor sich nun jemand aber ermuntert fühlt, sich selbst auf den Weg nach Algerien zu machen, zwei Hinweise: die Küstenregion leidet weiterhin unter dem wahllosen morden fundamentalistischer Terroristen und auch die Wüste ist nicht frei von Banditen. Einen Monat nach unserer Reise wurde das Ölbohrcamp am Gara Kanfoussa von Banditen angegriffen. Eine grossangelegte Militäraktion stellte die Ordnung in der Region aber wieder her. Das ist zumindest zu vermuten. Davon liest man in der hiesigen Presse aber nichts.

 

 
 

Infos

Fahrzeug:

Der Toyota HZJ 78 hat sich für uns als wahrer Glücksgriff erwiesen. Dass der Wagen robust gebaut ist und auch übele Passagen klaglos wegsteckt, ist weithin bekannt. Wir kamen hingegen aus dem staunen nicht mehr heraus, welche Leistung der 4.2 Liter Diesel Motor abgibt, wenn er gefordert wird. Kein Vergleich zu unserem alten "Gustav" und seiner schlappen 3 Liter Maschine. Wir sind restlos begeistert und mussten nicht einmal mit den Sandblechen nachhelfen. Luftrauslassen reichte immer. Auch der Federungskomfort liess bei uns keine Wünsche offen. Etwas nachbesserungswürdig erscheint lediglich die Hinterachse. Bei voller Ladung (rund 3400 kg, Gewichtsverteilung v. 40%, hinten 60%) sind nur noch 5 cm Federweg übrig und der Wagen hängt nach hinten herab. Hier haben wir nach der Tour drei zusätzliche Federlagen nachgerüstet. Etwas erstaunt waren wir auch über den Verbrauch. Auf der Strecke HBG-Tam haben wir rund 18.5 Liter gebraucht. Zumeist lag der Schnitt aber zwischen 12 und 15 Litern (je nachdem wie weich der Boden war).

Reifen:

Die BF Goodrich All-Terrain (235/85 R16) haben alle Passagen gut bewältigt. Im Sand mag aufgrund der offenen Profilierung ein Nachteil gegenüber reinen Sandreifen zu spüren sein, aber spätestens auf dem Heimweg, wenn daheim Schnee liegt, erweist sich der Allrounder als beste Wahl. Einen Platten hatten wir zu beklagen, nachdem wir einer Akazie wohl zu nah gekommen sind.

Druckluft:

vorne

hinten

Strasse

2.8

3.5

Bergpiste

2.3

3.1

Piste

2.0

2.9

Sand

1.4

1.9

weicher Sand

0.9

1.4

Ausrüstung:

Das übliche, was wir sonst auch so mitschleppen. Nur die Handwinde haben wir zu Hause gelassen. Dafür hatten wir max. 130 Liter Wasser dabei (ich glaube, das ist zu viel, Joly glaubt es reicht gerade so eben...) und für die erste Strecke von HBG nach Tam 250 Liter Diesel. Lebensmittel hatten wir für die ganzen 4 Wochen dabei. In Tam und Djanet kann man aber besser einkaufen, als uns das vorher gesagt wurde.

Aus- und Aufbau

Für den Dachaufbau und auch den Innenausbau bedeutete die Algerientour der erste Härtetest. Und wir müssen sagen: es hat alles einwandfrei gehalten. Das Dach gibt auch bei übelsten Pisten keinen Laut von sich und funktioniert nach den 4 Wochen ebenso einwandfrei wie vorher. (wir müssen nur noch den Sand aus der Plane bürsten). Einzig im Sandsturm haben wir das Dach in der Nacht untengelassen, da wir mit dem Heck im Wind standen. Aber auch die (beengte) Nacht im Innenraum konnten wir einigermassen schlafen (nur war es deutlich zu warm). Hervorragend hat sich die grosse Dachluke bewährt, die uns vom Bett aus in den ersten 14 Tagen, da es Nachts noch recht warm war, immer freien Blick auf den Sternenhimmel gestattete.

Auch der Innenausbau hat seinen Härtetest gut bestanden. Nichts (was wir festgeschraubt haben) hat gerappelt oder gescheppert. Wir haben zwar noch einige verbesserungswürdige Punkte gefunden (z.B. muss der Kühlschrank noch besser befestigt werden) aber insgesamt hat alles gehalten. In der trockenen Luft haben sich zwar die nur 4 mm dicken Holztüren etwas gebogen, hier zu Hause hat sich das aber wieder gegeben. Jedenfalls sehen wir keinen Grund, irgendetwas elementares am Wagen zu ändern.

Risiken

Jede Fahrt in die Sahara ist mit Risiken behaftet. Trotz GPS und gutem Kartenmaterial ist es noch immer möglich sich zu verfahren. Wer die Orientierung verloren hat oder Probleme mit dem Fahrzeug hat und dabei den Kopf verliert kann in ernsthafte Situationen kommen. Panik ist dann wohl das grösste Risiko, dass dem Saharareisenden droht. Die Sicherheitssituation ist uns hingegen nie als Problem erschienen. Auf den Strassen im Norden gibt es häufige und sehr freundliche / korrekte Strassenkontrollen. Im Hinterland sind wir hingegen nur selten auf andere Fahrzeuge gestossen (zumeist Reisende), so dass wir uns nie unsicher gefühlt haben. Dennoch, das Risiko, das von gesetzlosen Individuen und möglicherweise auch von fanatisierten Islamisten ausgeht ist natürlich vorhanden. Objektiv betrachtet aber vermutlich geringer einzuschätzen als die Risiken des Strassenverkehrs oder der Wüste selbst. (Diese Einschätzung erwies sich 2002 mit der Entführung etlicher Touristen auf der Gräberpiste als falsch!) Die steinewerfenden Kinder (Knöpfe im Vorschulalter) in der Gegend um El Oued sind anscheinend auch von den Behörden als Problem erkannt worden. (Vermehrte Polizeipräsenz an den betreffenden Ortsein- und ausfahrten lässt darauf schliessen). Hier ist der Reisende aber selbst gefordert. Sei es durch entsprechende Reisezeiten (z.B. früh am Morgen, wenn die Kinder noch nicht auf der Strasse sind) oder entsprechendes Verhalten. (langsam fahren, Drohgebärden oder auch schon mal anhalten und den Lümmeln nachsetzen). Per Saldo sollte Algerien für den Reisenden abseits der problematischen Gebiete an der Küste keine andere Gefahr bestehen als sonst irgendwo im nördlichen Afrika. Und Europa ist auch nicht so viel sicherer, nur ist es den Medien keine Schlagzeile wert, wenn in Italien oder Spanien ein Reisender überfallen wird.

(alle Infos sind natürlich rein subjektiv und auf unsere Bedürfnisse ausgelegt. Daher wird jedermann andere eigene Erfahrungen machen)