Oued In Djerane

Ayoub El Housseini, genannt Housseini, hatten wir im Vorjahr kurz auf dem Weg von Tamanrasset nach Djanet getroffen. Obwohl wir uns nur wenige Minuten unterhielten, erinnerten wir uns gut an den aufgeschlossenen und doch zurückhaltenden Tuareg, als uns Freunde von einer geführten Tour mit ihm erzählten. Obwohl wir dem Reisen mit Führer eher skeptisch gegenüber stehen, wussten wir: das ist unser Mann, mit dem man Reisen kann. Wir sollten nicht enttäuscht werden. Schnell werden wir uns über die Route und die Dauer der Tour einig. Der Preis von 700 Euro ist stolz. Aber dafür bietet Housseini sich selbst, seinen Wagen und einen Führer auf. Das Tadrart als Teil des Tassili Nationalparks, in dem ohnehin Führerpflicht vorgeschrieben ist und die Nähe zur nigrischen Grenze erscheinen uns als Ideal, unsere Skepsis gegenüber einer geführten Tour abzubauen.

Für sechs Tage wollen wir das eigenbestimmte Reisen aufgeben und uns dem Rhythmus des Führers anpassen. Nachdem wir vier bislang so gut harmoniert hatten, ist das natürlich ein gewisses Risiko, dafür winken aber auch andere Erfahrungen, die wir alleine nicht machen können.

Gegen Mittag des nächsten Tages verlassen wir Djanet auf der Flughafenstrasse. Nicht ohne uns zuvor bei der Nationalparkverwaltung die obligate Genehmigung besorgt zu haben. (Ob die Parkverwaltung tatsächlich Kontrollfahrten im Oued Indjerane durchführt, können wir jedoch nicht sagen.) Ousman, unser Führer - ein drolliger Kerl im Alter unserer Eltern - lotst uns gekonnt durch die zunächst noch spröde mit der Zeit aber zunehmend abwechslungsreiche Landschaft. Neben einem schönen Lager zwischen vielfältig geformten Sandsteinfelsen offeriert uns Housseini zum Abend Tagila-Eintopf. Wir lassen uns verwöhnen. Als ein Suchscheinwerfer plötzlich die Dunkelheit durchbricht, sind wir froh, nicht alleine zu sein. Housseini erklärt: Jäger, die illegal Gazellen schiessen. Kein Wunder, dass die scheuen Tiere bei dieser Wilderei eine Fluchtdistanz von einem guten Kilometer beanspruchen und man sie daher nur noch so selten zu Gesicht bekommt.

Erstes Ziel unserer Tour ist die Felsformation Moul N'Aga. Je näher wir dem Ziel kommen, desto aufmerksamer beobachten Housseini und Ousman unser Fahrverhalten im Sand. Bei Moul N'Aga soll es eine gewaltige, steile Düne geben, die es hinabzufahren gälte. Housseini bietet uns sogar an, unsere Wagen zu fahren, nicht dass dort etwas passieren könne. Denn schon einmal hätte sich einer seiner Kunden dort fast überschlagen. Wir danken für die Umsicht unseres Führers, wollen uns die Stelle aber selbst erst einmal anschauen. An der fraglichen Stelle angelangt, geht Housseini sichtlich nervös erst einmal zu Fuss voraus. Wir folgen und begehen erst einmal die fragliche Stelle. Aber abgesehen von dem erschreckenden Spuren-Wirrwarr, das sich zum Ausgang hin bündelt, ist nichts aussergewöhnliches zu sehen. Sicher die Düne ist steil und lang. Aber schön gerade und ohne hässliche Hindernisse. Wir beruhigen Housseini und bestätigen, dass es schon gehen wird. Als erstes reduzieren wir jedoch bei den Reifen den Druck auf das Minimum. Housseini startet, schlenkert mit Vollgas von der linken Seite der Spuren zur rechten und zurück, um schliesslich einige Meter vor der Dünenkuppe stecken zu bleiben. Hektisch winkend weist uns Housseini an, weiter zu fahren. Ruhig brummend erklimmt unser "Ueli" die Düne und kippt nach vorne über. "Halt!" Ich zucke zusammen. Housseini schreit wie am Spiess, dass ich stehen bleiben soll. Wir liegen mit dem Bauch auf und ich kurble das Fenster herab und frage, was nicht in Ordnung sei. "Das ist die Stelle, wo die Touristen immer ein Foto machen wollen". Ich schaue etwas verdutzt, muss dann aber schmunzeln und danke für den Hinweis unseres fürsorglichen Führers.

Der Landy passiert die Düne ebenfalls problemlos. Nachdem wir Housseini angeboten haben, dass es selbstverständlich ist, dass wir ihm die Reifen mit den Kompressoren wieder füllen, lässt auch er Luft ab und nimmt im dritten Anlauf die Dünenpassage.

Das Tal von In Djerane ist weltberühmt für seine Felsmalereien und -gravuren aber auch landschaftlich absolut sehenswert. Leider ist es für unseren Geschmack bereits zu touristisch. Nachdem der Tourismus im Vorjahr noch in Folge des 11. September brach lag, kommen nun - wie uns Housseini berichtet - Samstags vier Flugzeuge mit Touristen aus Europa. Und die treffen sich alle beim Rundgang im Oued In Djerane. Abgesehen von den unzähligen Fahrzeugspuren, die den Talgrund aufgewühlt haben, stossen wir immer wieder auf Fussgängergruppen, die mit Führer von Giraffe (gemalt) zu Giraffe (graviert) wandern. Nach der Einsamkeit der letzten Wochen sind wir etwas enttäuscht über so viel Betrieb. Atemberaubende Felsformationen und majestätische Steinbögen lassen über diesen Betrieb aber hinwegsehen. Zumal wir in der Mittagszeit die einzigen Touristen sind, die zu Fuss die Kathedrale (Formation aus zwei Natursteinbögen) erklimmen. Die Fussgänger müssen um diese Zeit pausieren.

Zum Abend lagern wir an einem Felsen inmitten des Oued In Djerane, unweit eines Gästezeltes des algerischen Staatspräsidenten. Da das Wüstentelefon ausgezeichnet funktioniert, weiss wohl schon jedermann in der Gegend, dass Housseini mit einigen Gästen kommt und so versammeln sich am Abend einige Freunde und Verwandte unseres Führers am Lagerfeuer. Wir geniessen den Sonnenuntergang und erfreuen uns der allabendlichen Teezeremonie und am Abendessen. Obwohl wir keine Mahlzeiten gebucht hatten, werden wir mit Tagila-Suppe und Couscous versorgt. Das Essen schmeckt hervorragend und selbst ich - der ich nach den Erlebnissen in Mauretanien auf der Transafrika Reise regelrechte Aversionen gegen Couscous habe - geniesse das Essen.