Algerien 2002 (1)

Einen Tag nachdem wir im Winter 2001 von unserer ersten Algerienreise zurückgekommen waren, stand bereits unser Ziel für dieses Jahr fest: Algerien. Das Land ist so vielfältig, die Menschen so freundlich und die Wüste so einzigartig, dass wir zurückkehren müssen.

Auch in diesem Jahr reisen wir nicht alleine. Gemeinsam mit Eric und Patrick, zwei Freunden aus Luzern und ihrem Landrover wollen wir die fünf Wochen in Angriff nehmen. Die Anreise erfolgt wie üblich problemlos über Genua. Das erste Highlight geniessen wir jedoch schon auf der Anfahrt zur Fähre. Unsere erste Übernachtung im Tessin auf einem kleinen Campingplatz endet in einem Freiluftwhirlpool unter Palmen. Bei kaum 10° Aussentemperatur und noch mitten in den Alpen erhält die Nacht mit palmenverstelltem Blick auf den Mond geradezu surreale Züge.

Die Fahrt mit der "Carthage" verläuft ebenfalls ereignislos und ruhig. Wir erreichen pünktlich Tunis und setzen die Fahrt bis Hammamet fort, wo wir auf dem geräumigen Camping Samaris übernachten. Tunesien durchqueren wir in wenigen Stunden. Gegen Nachmittag erreichen wir die Grenze in Taleb Larbi. Die Ausreiseformalitäten sind schnell erledigt. Der algerische Zoll ist so freundlich wie im Vorjahr. Der Andrang ist dieses Jahr zwar etwas grösser, aber Polizei, Zoll, Fahrzeugpapiere, Geldwechsel und Versicherung sind in kaum zwei Stunden erledigt. Wir fahren noch wenige Kilometer nach Westen und suchen bei Einbruch der Dunkelheit kurz vor El Oued einen Nachtplatz in den Dünen. Am frühen Morgen brechen wir auf, durchqueren El Oued noch bei Dunkelheit und fahren über Hassi Messaoud in Richtung Hassi Bel Guebbour. Nach einer letzten Nacht in den Dünen des Gassi Touil sind wir fast schon in der Wüste.

I) Erg Issaouane

Es ist still. Die Nacht befindet sich an der Schwelle zum Tag. Der Himmel erhellt sich und langsam erhebt sich die Sonne über den Horizont. Kein Laut ist zu hören, kein Geräusch zu vernehmen. Die anderen schlafen noch, aber ich geniesse diese stille Magie der Sahara. Vollkommen konzentriert und gleichzeitig entspannt lausche ich der Wüste, aber nur das ruhige, stetige Pochen des eigenen Pulses ist zu hören.

Über Nacht hat sich der Wind gelegt und wir blicken einem neuen, wunderbaren Tag in der Sahara entgegen. Unser Glück ist um so grösser, da sich Hassi Bel Guebbour unvermutet als Nadelöhr entpuppte. Die 600 Liter Diesel, die wir brauchten, waren dort zwar ohne Einschränkungen verfügbar. Unsere Unbekümmertheit verflog aber im angrenzenden Militärposten. Schon die querliegenden Hindernisse auf dem Abzweig in Richtung 4 Chemins verhiessen ungutes. Das löcherige Asphaltband sei "barré" erklärt man uns knapp. Kein Weiterkommen in die gewünschte Richtung. Keine Antwort auf unsere Fragen nach Gründen und Ausnahmen. Der Soldat befolgt unerbittlich seinen Befehl, die "ordre superieure", wie wir noch erfahren und weist zunehmen genervt gen Osten nach In Amenas. Mit mitleidigstem Dackelblick starten wir die nächste Fragerunde. Und wer glaubt es, unser Soldat wird gesprächiger. 60 Kilometer weiter befände sich eine Piste, die nach 4 Chemins führen würde. Diese wäre offen, nur das Gebiet zwischen den beiden Punkten gesperrt. Der Erg Tiffernine sein unproblematisch.

Wir fahren wie uns gesagt wurde und zweigen in Höhe von Hassi Tabankort nach Süden von der Asphaltstrasse ab. Die Piste ist zunächst schlecht auszumachen, da das Gelände in Strassennähe einer grossen Kiesgrube gleicht. Die Schuttwälle werden flacher und bald führt uns eine kleine, buckelige Piste entlang eindrucksvoller Felswände, aus denen versteinerte Wurzeln im Rautenmuster ragen, in Richtung 4 Chemins. Mehr an den Himmelsrichtungen orientierend folgen wir der Piste, die uns gerade am sinnvollsten erscheint. Das Gelände wird von mehreren Wegen durchkreuzt, von denen aber keiner stärker befahren zu sein scheint. Gegen Mittag erreichen wir ein Wüsten-Café. Zumindest das was von dem Lokal übrig ist. Auf einige leere Fässer wurde ein Wellblechdach genagelt, vor und hinter dem Tresen erstreckt sich die Steinebene. "Nicht gerade viel Laufkundschaft hier".

Die Piste wird kleiner und steiniger. An der nächsten Kreuzung halten wir uns rechts, nachdem die geradeausführende Spur mit quergelegten Steinen den Abzweig empfiehlt. Reifen und Stossdämpfer werden weiter malträtiert, bis wir unversehens an der Abbruchkante der Hochebene sind, auf der wir bislang gefahren sind. Mit etwas Glück finden wir einige Minuten weiter nördlich einen fahrbaren Abstieg zur nächsten Höhenstufe. Hier ist der Boden sandiger. Wir können unseren Fahrweg frei wählen, folgen erst einem bewachsenen Oued und dann wieder den Weisungen des Kompasses. Zwischen kleinen Tafelbergen hindurch finden wir den Weg auf eine weitläufige Ebene. Am Horizont glühen die höchsten Dünen des Erg Issaouane auf. Wir schwenken nach Westen und suchen bald ein Nachtlager.

Am späten Morgen erreichen wir 4 Chemins. Der Militärposten und seine Absperrung, die den Kreuzungsbereich der Strasse umgibt, scheint verlassen zu sein. Alle Zugänge sind mit Barrieren versperrt. Als wir das Gelände umfahren, lösen sich 3 Gestalten aus dem Schatten der baufälligen Baracke. Unschlüssig, was wir machen sollen, fahren wir doch zu den jungen Soldaten und bitten um Durchlass nach Westen. Verdutzt woher wir kommen, suchen sie gemeinsam nach einer Antwort. Diese können wir aber nicht verstehen. Keiner der drei spricht französisch und unsere Arabisch Kenntnisse beschränken sich auf eine Handvoll Wörter. Das einzige französische Wort, das den Algeriern über die Lippen kommt ist "interdit". Unterlegt mit einem schwenkenden Fingerzeig in unsere gewünschte Richtung ist uns klar, dass auch die Piste westlich von 4 Chemins gesperrt ist. Wir sollen zurück nach Norden, nach Hassi Bel Guebbour fahren, wo wir doch gerade erst herkommen. Wir schütteln gemeinsam die Köpfe und intonieren ein gequältes "interdit". Das scheinen die Soldaten einzusehen. Wir dürfen weiter in Richtung Bordji Omar Driss. Sollen sich doch die Vorgesetzten mit uns herumplagen.

Dazu kommt es aber nicht. Nachdem wir die nächste Höhenstufe auf der Teerstrasse herabgestiegen sind, verlassen wir in Sichtweite des Ortes den Asphalt. Lange Diskussionen sind nun einmal nicht das Ziel einer Saharareise. Der Sand ist tief, aber nachdem wir uns durch die obligaten Sandwälle neben der Strasse gekämpft haben, finden wir einzelne Spuren, die sich bald zu einer kleinen Piste verdichten. Unterhalb der Abbruchkante der Kalkebene, auf der wir im Vorjahr nach Westen fuhren, finden wir eine wunderbare Alternative, um in den Erg Issaouane zu gelangen. Von Sanddünen verstellt und mit malerischen Lehmhügeln verziert erweist sich die Strecke als landschaftlich deutlich reizvoller, als die doch recht trostlose Kalkebene. In Gedanken danken wir dem Militär für die Umleitung.

II) Erg Tihodaine

Die Sterne funkeln vom tiefblauen Nachthimmel. Das frische Brot duftet in der dunklen Glusse. Heute war wieder ein herrlicher Tag. Die letzten Tage sind wie im Flug vergangen. Flog die Landschaft auf der Anfahrt nach Süden noch an unseren Fenstern vorbei, geniessen wir seid dem Erg Issaouane die Wüste wieder mit allen Sinnen. Mit dem Wissen des Vorjahres gerüstet finden wir die Passage entlang des Gara Kanfoussa diesmal rasch. Im Oued Essaoui Mellen wählen wir aber nicht erneut den Weg mitten hindurch, sondern folgen dem Sand der westlichen Flanken des Erg Tiffernine. Über langgezogene Walfischdünen auf und ab fliegen wir über den Sand. Keck erklimmen wir eine hohe Düne. Der Boden ist fest und gut zu fahren. Angesichts der mächtigen Dünen, die dem Erg Tiffernine das Aussehen einer Hochhäuserschlucht geben, lassen wir es aber bei der Aussicht bewenden und wagen uns nicht weiter vor. Wie recht wir mit diesem Schritt hatten, erfahren wir auf der Rückfahrt, als uns andere Reisende von einem überschlagenem und einem Fahrzeug mit verglühter Kupplung im Erg Tiffernine berichten. Wir respektieren den Sand und bremsen unseren Übermut. Selbst Eric und Patrick, die mit ihren zweidutzend Lenzen noch wesentlich wagemutiger sind als wir, weichen vor diesen Sandwänden zurück. Es ist gut, seine Grenzen zu kennen.

Zum Abend freuen wir uns auf frisch gebackenes Brot. Eric und Patrick haben einen Dutch Oven mitgenommen. In diesem speziell geformten Topf (von dem wir daheim auch ein Exemplar haben) soll man sowohl Brot backen als auch andere Ofengerichte in der Glut zubereiten können. Dumm nur, dass dem Topf keine Bedienungsanleitung bei liegt. Nachdem der Teig geknetet ist, platzieren die beiden Jungs den Topf in der hellroten Glut. Mein Einwand, "das könnte vielleicht etwas zu warm sein" wird abgeschmettert. "Der Verkäufer hat uns gesagt mitten ins Feuer da kann nichts passieren". Nun ja, eine halbe Stunde später mussten wir dann den verkohlten Brotlaib aus dem Feuer bergen. Der Topf sah mittlerweile eher wie moderne Kunst aus und war an einer Seite völlig verschmolzen. Hiermit also die Bitte an den Hersteller: eine Bedienungsanleitung, bevor wir auch unseren Topf "verfeuern".

Die Südspitze des Erg umfahren wir direkt an der Sandkante. Im roten Sand sind oftmals tückische Steine verbogen und ebenso oft rutschen die Reifen auf dem blanken Fels, wenn einige Sandkörner ihnen die Traktion rauben. Dennoch ist es eine schöne, wenn auch zeitraubende Strecke. Aber wer denkt schon noch an Zeit? Den hektischen Alltag noch im Hinterkopf holt mich die Zeit jedoch am Nachmittag ein. Ich begehe die Dummheit, einen bestimmten Nachtplatz anfahren zu wollen und verliere im unübersichtlichen Dünenfeld, das dem Erg vorgelagert ist langsam die Kontenance. Erst spät erreichen wir die wunderbaren Sicheldünen, bei den wir lagern wollten. Zu spät um sich an diesem Platz noch zu erfreuen. Die Routenplanung wird daraufhin ad acta gelegt.

Die abgespeicherte Route in unseren GPS weist direkt nach Süden. Ohne Probleme finden wir den Einstieg in das Oued Ta Haft. Verfahren kann man sich hier eigentlich nicht. Einmal links abbiegen, einmal rechts und schon steht man am Brunnen von Ta Haft. Oder war es erst rechts, dann links? Jedenfalls ist die Piste nicht so einsam, wie wir vermutet hatten. Nach einem ersten, nur mit einem Fass beladenen Pick Up am Morgen, der unser Misstrauen erweckte, kreuzen nun drei mit Zigaretten überladene Toyota unseren Weg. In höllischem Tempo rasen sie mehr fliegend als fahrend an uns vorbei. Lässig winkend und doch hektisch mit den Händen auf dem Lenkrad am Rudern lachen uns die Fahrer an. Beiderseitige Freude kennzeichnet das kurze Zusammentreffen. Wir wollen nichts von ihnen und sie nicht von uns. Bis zum Mittag kommen uns noch weitere 9 Fahrzeuge entgegen. Der Marlboro Nachschub für den Norden Algeriens. Ein Geschäft, das sich anscheinend für alle lohnen muss. Schmuggler, Militär und Staat. Die Schmuggler schmuggeln (sagt ja schon der Name), das Militär schaut weg und lässt sich auf das Hase und Igel Spiel ein (wohl auch nicht umsonst) und der Staat kassiert ab und an doch mal eine Schmugglerkaravane ein, nur um die beschlagnahmten Fahrzeuge auf einer Auktion wieder zu verkaufen. An wen? Die Schmuggler natürlich. Die Wertschöpfungskette muss schliesslich erhalten bleiben, sonst gäbe es das Marlboro Import-Verbot in Algerien schon lange nicht mehr.

Den Brunnen Hassi Ta Haft finden wir zwar nicht, doch weisen die Spuren des Schmugglertrecks in die richtige Richtung. Wir kommen noch einige Kilometer vorwärts und setzen den Weg dann erst einmal zu Fuss fort. Steil steigt die Piste rund 30 Meter auf einen Felsvorsprung. Nachdem wir die Kuppe etwas entschärft haben, um nicht mit Uelis Bauch aufzusetzen, tuckere ich die Steigung gemütlich herauf. Der Motor blubbert und im 1. Geländegang und mit eingelegten Sperren erarbeitet sich der Toyo langsam seinen Weg nach oben. Eric muss den Landy schon etwas mehr treten. Der erste Versuch scheitert wenige Zentimeter vor der Kuppe. Mit mehr Gas und etwas brutaler ist der zweite Versuch aber erfolgreich.

Über eine steinige und unruhige Piste erreichen wir das Hassi in Azaoua. Das Wasser ist gut. Leider ist das gesamte Umfeld des Brunnens stark verschmutzt. Umgestürzte 200 Liter Fässer, aus denen noch das restliche Benzin verdunstet und anderer Unrat zeugen vom "Besuch" der Schmugglerkaravane.

Um nicht über die Düne im Ahelleguen Tal zu müssen wollen wir über eine kleine Bergpiste zum Erg Tihodaine durchsteigen. Die Passage fordert den Wagen alles ab. Loses Geröll, schwierige Steigungen und heftige Felsstufen lassen unsere Geschwindigkeit auf Schleichfahrt zusammenschmelzen. Aber der Aufstieg lohnt sich. Aus gut 1200 Metern Höhe bietet uns die Strecke einen erhabenen Panoramablick auf diese Welt aus Stein. Unvermittelt endet der Fels und wir stecken bis zu den Knöcheln im weichen Sand. Die Landschaft wandelt sich zu einer grandiosen Komposition aus Sanddünen und Bergkuppen. Bilderbuchwüste. Wir suchen einen Nachtplatz und werden abseits der Piste in einem kleinen Talkessel fündig.

Nach einer windgeschüttelten Nacht lockt uns die Sonne aus den Schlafsäcken. Noch vor dem Frühstück drehe ich eine kleine Runde zu Fuss und entdecke einen von einem schweren Felsblock verschlossenen Felsspalt. Nach einer ersten Erkundung die Felswände hinauf kann ich in die Spalte schauen und bemerke neben einem üppigen Pflanzenwuchs auch das einfallende Licht der Morgensonne unter den Felsblock hindurch. Und tatsächlich, gerade so breit, dass ein Mensch sich hindurchzwängen kann ist Platz zwischen Felswand und Felsblock geblieben. Ich zwänge mich hindurch und bin berauscht vom Duft und den Lichtspielen in der Felsspalte. So könnte Ali Babas Höhle aussehen. Einen Schatz finde ich freilich nicht.

Schon nach wenigen Kilometern verlassen wir wieder die Hochebene. Es muss noch die ein oder andere Düne bewältigt werden, aber dann stehen wir vor dem gewaltigen Panorama des Erg Tihodaine. Der Sandboden ist fest und tragfähig. Neben dem üppigen Grün zeugt auch die Feuchtigkeit in nur 20 cm Tiefe von den Regengüssen vergangener Wochen. Selbst die höchsten Dünen lassen sich so gut erklimmen. Wir müssen umsichtig sein und darauf achten nicht übermütig zu werden.

Nachdem wir einige Zeit über hohe Dünen kreuzen, sehen wir ein, dass eine direkte Zufahrt auf das zentrale Gebirge des Erg von Norden her zu schwierig ist. Auch der Weg nach Westen hat es in sich, macht aber mehr Spass als dass er Nerven kostet. Etwas weiter südlich stechen wir wieder in den Erg und steigen über beängstigend steile Dünen zum inneren Gebirge ab. Unserer Entscheidung, die Berge im Norden zu umfahren, ist Glück beschieden. Wähnten wir uns zunächst in einer Sackgasse, erblicken wir von einem höher gelegenen Aussichtspunkt ein kleines Gassi, welches auf die Zentrale Ebene führt. Auch diese Dünenabfahrt ist jedoch so steil, dass sie in umgekehrter Richtung wohl kaum zu schaffen ist.

In der Ebene lassen wir uns von den Distanzen täuschen und enden im einem Felslabyrinth, das wir besser die Dünen entlang umfahren hätten. "Beim nächsten mal...." Genau gegenüber unserem Eintritt in die Ebene erklimmen wir eine Düne und finden auf halber Höhe eine n traumhaften Nachtplatz. Als die Motoren verstummen, setzen wir uns in den warmen Sand und schweigen. Menschenleere, atemberaubende Sahara umgibt uns. Wir können uns gar nicht satt sehen und würden am liebsten eine ganze Woche bleiben.

III) Zwischen Himmel und Hölle

Der Abschied vom Erg Tihodaine fällt uns schwer. Wir können uns kaum vorstellen, auf dieser Reise einen noch schöneren Nachtplatz zu finden. Aber hier hin werden wir eines Tages mit mehr Zeit zurückkehren. Der Weg nach (Süd)westen quer durch den Erg entschädigt uns aber für den Abschiedsschmerz. Über langgezogene, teils steile aber immer gut befahrbare Dünen bahnen wir unseren Weg. Nur einmal sind wir uns nicht ganz sicher, ob wir die Düne erklimmen können. Bei der Auffahrt in die Steigung berühren wir mit dem langen Wagenheck fast den Boden. Aber der Untergrund ist vom Regen noch so gefestigt, dass wir auch diese Steigung bezwingen können. Weiter geht es über weite, geschwungene Dünen. So macht das Fahren richtig Spass. Ein himmlisches Vergnügen.

Am Ende des Sandmeeres behalten wir unsere eingeschlagene Richtung bei und steuern auf die Afara-Ebene zu. Zum ersten Mal seit Tagen beschäftigen wir mal wieder den 4. Gang und der Fahrtwind bläst den überflüssigen Sand vom Wagen. Nach einer eher unspektakulären Fahrt finden wir einen grandiosen Nachtplatz auf einer Anhöhe zwischen zwei Tafelbergen, die uns stark an die Idealvorstellung vom Wilden Westen erinnern. Leicht erhöht über der Ebene auf rund 1.300 Metern geniessen wir einen späten Sonnenuntergang und die im Abendlicht glühenden Felswände. Doch schnell nimmt uns die Dunkelheit der Nacht die Sicht und wir kauern uns in den Windschatten der Wagen.

An unserem exponierten Lagerplatz erreichen uns die Strahlen der Morgensonne schon früh. Heute werden Patrick und Eric vorausfahren. Im täglichen Wechsel steht somit unser kleines Reisegrüppchen unter Leitung von Kuoni-Reisen (perfekte Reiseleitung) und von Lava Tours (so heissen wir dann als Reiseführung. Warum wird sich später zeigen). Schon am Vorabend versprachen uns die beiden ein einmaliges Erlebnis. Im letzten Sonnenlicht hatten sie am Horizont einen See entdeckt. Täuschung oder Realität? Wir wollen es wissen und fahren weiter nach Osten. Doch der See entpuppt sich als eine weisse Kalkebene, die auch tagsüber wie Wasser spiegelt. Nachdem sich Ernüchterung breit gemacht hat, bekommen wir doch noch unser einmaliges Erlebnis. Hinter einem kleinen Dünenkamm stossen wir auf Wasser. Ein See, ein grosser See, der Teile der Afara Ebene bedeckt. Völlig fassungslos rollen wir vorwärts, bis die Räder in den Uferschlamm sinken.

Die Reste der starken Regenfälle sind in dieser Lehmsenke zusammengelaufen und wirken wie ein kleines Paradies in der Wüste. Rund um den See steht üppiges grün und bietet allen Lebewesen der Ebene reichhaltig Futter. Das hält uns aber nicht davon ab, zumindest bis zu den Knien in das kalte Wasser zu gehen. Dabei gilt es aber sorgfältig das Gleichgewicht zu halten. Rutschiger Schlick und Erdanziehungskraft wollen uns immer wieder überlisten und ein Vollbad aufzwängen. Etwas verschrocken stellen wir fest, dass sich auch im Wasser das pralle Leben tummelt. Mit etwas Glück können wir eines der rund 4 cm langen Tiere fangen, die in Ufernähe schwimmen. Ein solches Tier haben wir noch nie gesehen. Der Körperform nach ein fossiler Krebs, ähnelt es im Aussehen den Schwertschwänzen des Nordatlantik. Nur ist der Körper dieser Tiere nicht schwarz sondern nahezu transparent. Etwas ungläubig schlagen wir im Lexikon nach (was Patrick und Eric nicht alles im Landy mit rumkarren!) und tippen auf ein im Wasser lebendes Spinnentier. Wir sind gespannt, ob sich jemand meldet, der es genau weiss.

Die Mittagsrast wollen wir am markanten Felsberg Adaradjez einige Kilometer weiter östlich verbringen. Unerwartet führt die Piste in dichteres Gestrüpp. Schon bald ist der Weg von Menschen bevölkert und einige Kinder auf einem Traktor folgen uns in der Hoffnung auf ein Geschenk. Nach den vielen einsamen Tagen sind wir vom Auftauchen der Leute regelrecht erschrocken, sodass wir umgehend das Weite suchen und fast noch in eine Militärstation hineinfahren. Querfeldein verlassen wir das bewohnte Gebiet und finden mit etwas Glück einen schönen Platz in der Nähe des Felsturmes.

Nachdem wir uns nach Mittag auf der Piste zunächst verfahren und auf die Asphaltstrasse Illizi - Djanet zuhalten, bemerken wir den Navigationsfehler und kehren um. Ein schwerer Fehler, wie sich noch herausstellen sollte. Anstatt wieder zurück bis an den See zu fahren, wählen wir die Piste direkt nach Süden und landen auf einer der übelsten Steinpiste, die wir bislang gesehen haben. Anstatt die Vorteile des Geländes zu nutzen, haben die Pistenbauer ihre Planierraupe auf der Luftlinie nach Süden arbeiten lassen. Heraus kam eine völlig entnervende, fahrzeug- mordende Rüttelstrecke, die mir jeden Sinn für Humor raubt. "Wer hat bloss die besch.... Strecke angelegt?" Aber alles fluchen nutzt nicht. Stundenlang hoppeln wir im Schritttempo durch die monotone Lavalandschaft. Einzige Abwechslung bietet die Grösse der Steine. Klein, mittelgross, gross. Heisst: 2. Gang, 1. Gang oder Untersetzungsgetriebe. Um 16 Uhr gibt Kuoni Tours die Leitung des heutigen Tages in unsere Hände über. (Das war Teil des täglichen Wechsels, dass der hinterherfahrende abends den Lagerplatz auswählen durfte.) Frohen Mutes fahren wir also mit dem Toyota voraus und biegen links zu einem wunderbaren Nachtplatz ab.

Ok. Ist alles gelogen. Ziemlich genervt fahre ich also nach vorne und versuche im Gegenlicht irgendeine zumindest etwas attraktive Stelle auszumachen. So weit der Horizont aber reicht, bietet sich das gleiche Bild. Man könnte glauben in der Hölle angelangt zu sein, wo ausser schwarzgebranntem Stein nichts mehr übrig geblieben ist. Wir fahren noch eine halbe Stunde auf der schlechten Piste voraus. Dann wage ich einen Abstecher nach links mit dem Ziel, zwischen zwei Hügeln den Lagerplatz zu errichten. Dabei wird der Untergrund so schlecht, dass wir zuletzt kaum mehr aus dem Wagen heraus können, ohne uns der Gefahr auszusetzen, die Knöchel umzuknicken. Also zurück. Ein anderer Platz muss her. Nur noch bis zu dem Höhenkamm da vorne. Na, schauen wir mal, was sich hinter dem nächsten Horizont verbirgt. Die Zeit verstreicht und die Sonne sticht uns direkt in die Augen, aber das Bild ändert sich nicht. Kein einladendes Plätzchen weit und breit. Meine Laune hebt sich erst wieder, als wir bei Einbruch der Dunkelheit doch noch einen kleinen, ebenen Flecken Kiesboden finden. Nicht der beste Platz, aber wohl der am meisten ersehnte.

Am nächsten Morgen behält Lava-Tours (wie wir seit dem Morgen heissen) auch die weitere Tourführung. Bis zum späten Vormittag bessert sich die Lage kaum, dann endlich wird der Boden etwas heller und sandiger. Wir kommen schneller vorwärts und umfahren bald die Südspitze des Tazat in Richtung Fort Gardel. Dort können wir jedoch weder Diesel noch etwas Brot auftreiben. Da wir aber bis Djanet ausreichend Treibstoff dabei haben, fahren wir unbeschwert auf der Teerstrasse weiter nach Süden. Nördlich des Oued Issendillene fahren wir eine Schlucht des Tassili und suchen einen schönen Nachtplatz der Vorjahrestour auf.

Unser Versuch, einen Weg durch das Tassili zu finden, um von Norden direkt nach Djanet zu gelangen, ist leider nicht von Erfolg gekrönt. Wir finden zwar den vermutlich richtigen Einstieg etwas südlich des Oued Ill und auch einige wunderbare Felsformationen wie auch einen beeindruckenden Natursteinbogen, aber alle Täler, die wir - Spuren folgend - abfahren enden letztlich doch in einer Sackgasse. Ohne Führer oder genaue Koordinaten ist dieses Mauseloch wohl nicht zu finden. Na, macht nichts..... das nächste Mal. Bald sind wir wieder auf der Teerstrasse und kaum eine Stunde später auch in Djanet.

Die Stadt putzt sich regelrecht heraus. Im Vergleich zum Vorjahr wird an allen Ecken gebaut und ausgebessert. Selbst die Schlaglöcher in der Strasse werden aufgeschüttet. Wir sind auf der Suche nach Azjar Tours, mit denen wir von daheim schon Kontakt aufgenommen hatten, um eine geführte Tour zu unternehmen. Zu Fuss laufen wir durch die Djanet auf der Suche nach dem Büro. Aber alle Schilder, die entlang der Hauptstrasse aufgehangen sind, tragen andere Namen. Am Ende der Geschäfte angelangt fragen wir einen Verkäufer nach der Agentur. Zumindest kennt der junge Mann den Namen. Das Office von Azjar Tours liegt 4 Kilometer nördlich der Stadt in einem kleinen Dorf. "Na prima und wie sollen wir da hin kommen?" Im Gegensatz zu Tamanrasset, wo der Ort von Taxis überschwemmt ist, findet sich in Djanet kaum eines. Aber unser Gegenüber weiss Abhilfe. Wartet ein paar Minuten, Ihr könnt dann mit jemandem zum Dorf mitfahren. Wenige Minuten später winkt der junge Mann einem Wagen zu. Wir gehen zu unserer Mitfahrgelegenheit und fragen nach Azjar Tours und Housseini, zu dem wir wollen. Ein breites Grinsen empfängt uns. Unser "Chauffeur" ist der Eigner und "directeur general" von Azjar Tours. Housseini persönlich.