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Algerien 2002 (3) |
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V) Mit Lazarus in den Erg Admer Lag es nun an dem plötzlich aufgetretenen kalten Wind, den wir unterschätzt haben oder war es die "Quittung" für unser ungebührliches Verhalten gegenüber Ousman und Zouri? Mit der Einfahrt in den Erg Admer wird unsere Reise ziemlich aus der Bahn geworfen. Als erster merkt Eric, das etwas nicht in Ordnung ist. Bereits bei der Felsgravur "la vache qui pleurt" merkt er einen unangenehmen Druck auf dem linken Ohr. Auch das Wetter hat sich deutlich gewandelt. Nach dem strahlend blauen Himmel der bisherigen Tage, ist die Sicht heute dunstig. Die Sonne trifft nur gedämpft auf den Boden und wandelt die Wüste in eine konturlose, graugelbe und gleichförmige Landschaft. Woher all der Staub in der Luft kommt, wissen wir nicht. Irgendwo muss es jedenfalls einen heftigen Sandsturm gegeben haben. Dennoch geniessen wir die Einfahrt in den Erg Admer. Die Koordinaten, die wir haben, stimmen bis ins Detail und wir können die höhen Dünen an den besten Stellen überqueren. Immer wieder wechseln Dünen und kleine Ebenen ab. Wobei wir uns manchmal gar nicht recht trauen, im Sand zu fahren. Über weite Strecken sind die Dünen grasbewachsen und gleichen einem grünen Teppich. Wir haben regelrecht Skrupel, diese schönen Wiesen mit den Reifen zu zertrennen. Gegen Mittag erreichen wir das Schlüssellochgrab, welches wir als Mittagsplatz gedacht hatten. Doch Eric geht es mittlerweile deutlich schlechter. Er hat rasende Ohrenschmerzen und möchte sich hinlegen. Als sich kurz darauf Joly auch noch einen Hexenschuss zuzieht, ist klar. Heute geht es nicht mehr weiter. Wir klettern mit den Wagen etwas höher hinauf auf die Dünen und schlagen dort unser Lazarett auf. Auch am nächsten Morgen geht es unserer Küchencrew nicht besser. Joly nimmt zwar Schmerztabletten und auch Eric bekommt alles vermeintlich lindernde, was die Reiseapotheke hergibt. Besserung ist bei beiden jedoch nicht festzustellen. Wir beschliessen, heute nicht weiterzufahren und legen einen Ruhetag ein. Ich sehe die positive Seite der Zwangspause und verabschiede mich mit Hemingway nach Ostafrika ("Die Wahrheit im Morgenlicht"). Doch auch diese "Safari" schützt mich nicht vor den realen Problemen. Auch bei mir zieht eine Grippe auf und mein rechtes Ohr beginnt heftig zu pochen. Lediglich Patrick bleibt obenauf und hat alle Hände voll zu tun, Eric zu versorgen. Als es Eric am nächsten Morgen noch immer nicht besser geht, entschliessen wir uns, nach Djanet zurück zu fahren und dort das Krankenhaus aufzusuchen. Ins blaue hinein wollen wir ihm keine Antibiotika verabreichen und Joly geht es zumindest so gut, dass sie wieder eine Weile sitzen kann. Das zentral gelegene Krankenhaus in Djanet macht einen für Nordafrika typischen Eindruck. Das Gebäude ist in renovationsbedürftigem Zustand, im Hof stapelt sich der Müll und durch die vielen zerbrochenen Fensterscheiben strömt der muffige Geruch ungereinigter Zimmer. All dies versuchen die anwesenden Ärzte mit dem Geschick ihrer Hände und grosser Zuversicht auszugleichen. "Wir würden unseren Eric schon zurückbekommen" lautet die Diagnose. Die Mittelohrentzündung wird mit einer Ladung Antibiotika und Unmengen Schmerzmittel bekämpft. Nach einer ersten (schmerzhaften) Spritze in den Allerwertesten kommt Eric an den Tropf und wartet auf Besserung. Mit der Zeit erklären wir der behandelnden Ärztin, dass wir als Touristen nur auf der Durchreise sind und wie die Behandlung bei Eric weitergehen soll, da die von uns auf Rezept besorgten Medikamente nicht oral, sondern mit der Spritze zu verabreichen sein. Auf die Antwort der Ärztin "das wäre doch kein Problem", üben wir uns alle schon einmal im Geiste, wie man eine Spritze setzt und was wohl alles zu beachten wäre. Auch besorgen wir vorsorglich einen Filzstift, um auf Erics Hinterteil den Zielraum einzeichnen zu lassen, wo wir ihn denn stechen sollen. Erst als die junge Ärztin begreift, dass wir alleine reisen und nicht einer Gruppe mit medizinischem Fachmann angehören, ändert sie (zu unserer Enttäuschung) die Medikamentation. Eric bekommt von all dem herzlich wenig mit. Er ist mittlerweile so unter Schmerzmittel gesetzt, dass er kurz vor dem Delirium steht. VI) Regen im Grand Erg Oriental Nach einer letzten Nacht auf dem lauten Camping Zeriba treten wir unsere Rückreise an. Den geplanten Abstecher nach Fort Tarat haben wir mittlerweile abgeschrieben. Nach einer weiteren Spritze, die sich Eric am Morgen im Spital abholt, verlassen wir über die vorzügliche Asphaltstrasse Djanet nach Norden. Schnell erreichen wir Fort Gardel und rasten bald zu Mittag auf dem Fadnoun Plateau. Am Abzweig zur Afara-Ebene machen wir dann eine der zwischenmenschlichen Begegnungen, die eine Reise im Rückblick zwar bereichern, die aber nüchtern betrachtet, keine echte Bereicherung sind. Kaum schweigen unsere Motoren, nähert sich von Norden ein rotes Fahrzeug. Kurz darauf hält der Isuzu Trooper gleich hinter uns. Der Fahrer springt aus dem Wagen und kommt auf uns zu. Schon die erste dumme Bemerkung meines Gegenüber "Dir geht es ja gut, so wohlgenährt wie Du aussiehst" ist eine Einladung, verbal die Klingen zu kreuzen. Doch mir steckt noch immer die Grippe in den Knochen und ich kann nur mit Mühe sprechen, ohne dass mir der Rachen sofort austrocknet. Nachdem wir weiter zu seiner Belustigung beitragen und er uns die Diagnose stellt "wohl durch die Hotelklimaanlage verkältet", dreht unser Gegenüber erst richtig auf und erzählt von der guten alten Zeit, als es noch keine Strasse auf dem Fadnoun-Plateau gab. "1982, als ich mit dem VW-Kübelwagen nach Djanet gefahren bin, da war das noch richtiges Abenteuer. Aber heute..." Zunächst versuchen wir noch ein einigermassen inhaltvolles Gespräch aufzuziehen und weisen auf den Vorteil der schneller Passage hin, die viel mehr Raum für einen 5 Wochen Urlaub erschliessen würde. "Ja, da muss man halt mehr Zeit mitbringen" kommt zur Antwort. Weiter erfahren wir noch, dass Zeit für Ihn keine Rolle spielen würde und er so oft und so lang im Jahr Urlaub machen könnte wie er nur wollte. Glücklicher Mensch. Armes Afrika. Es tut mir Leid, dass ich nicht mehr von diesem Gespräch wieder geben kann, aber den Stuss, den unser Gegenüber in den folgenden 45 Minuten noch von sich gab, hätte man auf Tonband festhalten müssen, um sich an jede Dämlichkeit zu erinnern. Aber noch Tage später können wir lauthals lachen, wenn nur einer "Isuzu" sagt. Und nicht nur das, was dieser Herkules des Maulfechtens von sich gab, verursacht bei uns anhaltende Bauchkrämpfe, auch sein hoffnungsloser Versuch, die offene Hecktüre des Landy abzureissen, an der er sich zwanghaft halten musste, bleibt uns in lebhafter Erinnerung. Was wir zu diesem Zeitpunkt allerdings noch nicht wissen: wir sollten den Isuzu Piloten und seine fesche Beifahrerin noch einmal wieder treffen. Dabei war er doch auf dem Weg nach Süden und mit weiteren vier Wochen Zeit gesegnet. Aber wie alles im Leben - und das gilt insbesondere in Afrika - geschieht nichts im Leben ohne tieferen Sinn. Hatten wir bis zur Mittagspause noch geplant, in den Ausläufern des Erg Issaouane zu übernachten, merken wir bald, dass uns die verlängerte Mittagspause zwingen wird, in Illizi zu übernachten. Mit Einbruch der Dunkelheit erreichen wir den Camping südlich der Stadt. Der Sonnenaufgang ist noch weit entfernt, da klopft es heftig an unseren Wagen. Schlaftrunken registrieren wir, dass Patrick vor dem Wagen steht. "So früh wollten wir doch gar nicht weiter. Oder?" Aber Eric geht es mittlerweile wieder so schlecht, dass die beiden ihr Dachzelt abbauen und in der Dunkelheit in die Stadt fahren. Auf der Suche nach dem nächsten Krankenhaus, wo Eric eine erneute Spritze verabreicht bekommt. Ein Glück, dass wir zur Übernachtung nicht in die Dünen gefahren waren. Die Ärztin in Illizi stellt die gleiche Diagnose, verordnet Eric aber eine neue Antibiotika-Kur, die in der Folge auch eine gewisse Besserung ergibt. Den weiteren Tag verbringen wir mit Kilometerfressen. Mittags erreichen wir In Amenas und am späten Nachmittag Deb-Deb. Der Tag endet in den Dünen nach der letzten Militärkontrolle ruhiger als er begonnen hat. Wir wollen versuchen, zumindest die letzten Tage des Urlaubs wieder voll zu geniessen. Im Gegensatz zu Patrick und Eric, die den Grand Erg bereits im Vorjahr passierten, ist es für uns das erste Mal. Was soll man zu diesem riesigen Sandmeer sagen? Auch wenn er seine reizvollen Seiten hat, ist er landschaftlich doch deutlich monotoner als die Ergs im südlichen Algerien. Zudem ist er sehr stark bewachsen, was insbesondere in den Dünenpassagen zu unangenehmen Komplikationen führen kann. Denn im Gegensatz zu den anderen Sandwüsten finden sich im Grand Erg kaum einmal Gassis, denen man längere Zeit folgen kann. Fährt man in ein Dünenfeld ist es fast sinnlos, von einem Aussichtspunkt die beste Strecke zu ermitteln. Der beste - heisst gleich problematische Weg wie alle anderen Alternativen - führt durch die Mitte. Einfach geradeaus. Düne rauf, Düne runter und von neuem. Dabei kann die Kilometerleistung drastisch zusammen schrumpfen. Ab und an findet man sich dann in einem unangenehmen Trichter wieder oder die Reifen werden vom teilweise atemberaubend weichen Sand regelrecht verschluckt. Erstmals in der Wüste überhaupt müssen wir Sandbleche zum Einsatz bringen. Alle Kraft des Toyota verpuffte wirkungslos. Bei den "relativ" kleinen Reifen (235/85 R 16) gibt der Untergrund einfach nicht genügend Traktionshalt. Aber mit unseren beiden "Lebensrettern", die im Stile von Baywatch mit dem Sandblech unter dem Arm angejoggt kommen, wenn sich unsere (schwere*) Hinterachse eingegraben hat, sind auch diese Passagen schnell geschafft. *(Irgendwie hatten wir noch Lebensmittel und Wasser für weitere 3 Wochen dabei...) Wenn auch eher unspektakulär hält der Grand Erg für den Reisenden aber dennoch eine Attraktion bereit. Er ist das perfekte Umfeld, eine schöne Reise ausklingen zu lassen. Viel Sand fahren, die Faszination der alten französischen Militärforts, das abendliche Lagerfeuer mit seiner Teezeremonie und dem frischen "pain au sable" sind ein runder Abschluss für jede Algerien Reise. Dass uns darüber hinaus noch das Schauspiel von Regen in der Wüste vergönnt war, gibt der Durchquerung einen besonderen Reiz. Nachdem es bereits am Mittag bei Bir Djedid einige Tropfen Regen gab, öffnet der Himmel in der Dämmerung seine Schleusen. Gut vier Stunden wird der trockene Boden mit dem lebenswichtigen Nass versorgt. Dann klart der Himmel ebenso schnell auf, wie zuvor die Regenwolken gekommen waren. Ein wunderbarer Sternenhimmel zeigt an, dass der Staub der letzten Tage aus der Atmosphäre verschwunden ist und wir von nun an wieder mit herrlichem Wetter rechnen können. Die Nacht ist eiskalt. Am Morgen sind die Scheiben der Fahrzeuge beschlagen und unter der Zeltplane, die wir zwischen den Wagen gespannt haben, hat sich dichter Tau gebildet. Die Morgensonne bricht sich in den vielen Wassertopfen, die an den Büschen der Umgebung hängen. Ein seltener Anblick. Auch der Boden ist scheinbar etwas fester geworden. Dieser Eindruck trifft jedoch nur für uns zu Fuss zu. Mit den Fahrzeugen wird der Untergrund zusätzlich tückisch. Weichsandfelder erkennen wir nun erst, wenn wir mit den Reifen durch die verfestigte obere Schicht durchbrechen. So entstehen teils eindrucksvolle Spuren, die die Passage riesiger Fahrzeuge vorgaukeln. Nach gemütlichen 5 Tagen erreichen wir ohne Probleme Sanberry. Den Ort umfahren wir auf einem kleinen Weg, der entlang der Palmenplantagen führt. Nachdem wir die Reifen in Form gebracht haben, sind wir schnell in Taleb Larbi. Waren wir während der ganzen Reise nie mit Steine schmeissenden Kindern konfrontiert, blockiert nun eine Gruppe vorwitziger Wichtigtuer die Strasse und will uns zum Halten bringen. Nachdem ein älterer (einheimischer) Mann den Kindern zunächst einen Stein nachwirft und mit ihnen schimpft, formieren sie sich neu und fordern uns mit ausgestrecktem Arm zu Halt auf. Ich rolle langsam auf die Kinder zu, die kaum über unsere Motorhaube blicken können und hupe kurz bevor ich sie erreiche. Sofort löst sich die Gruppe auf und rennt in alle Himmelsrichtungen. Nur ein besonders vorwitziger Bursche kommt noch einmal zurück und schlägt mit der Faust auf das Fahrzeugheck. In der Sekunde bin ich auch schon aus dem Wagen. Stolpere zwar noch fast über den Sicherheitsgurt, renne aber sofort dem Flüchtenden hinterher. Die Kindermeute schreit und verteilt sich in alle Gassen. Noch 20 Meter und ich habe den kleinen "Übeltäter". Er flitzt um die nächste Ecke. Das Mädchen neben ihm verliert die Schuhe. Ich komme um die Ecke und sehe gerade noch, wie er vor mir in einem Türspalt verschwindet. Gut so. Denn was wollte ich mit ihm machen, wenn ich ihn habe? Ruhig gehe ich zum Wagen zurück, in der Hoffnung, dem Jungen dieses Verhalten etwas ausgetrieben zu haben. Auf dem Rückweg winke ich den in der nähe sitzenden Erwachsenen zu. Sie lächeln zurück und scheinen mein Verhalten zu billigen. Aber was soll man sonst machen? Traubenzucker an die Kinder verteilen wie die Touristin, die wir 4 Wochen zuvor hier an der Tankstelle trafen und der wir zu bedenken gaben, dass der Junge dann noch besser Steine schmeissen könnte? Das Cadeau-Problem bleibt ungelöst. Die Ausreise aus Algerien und Einreise nach Tunesien verläuft gewohnt unproblematisch. Nach einer Nacht auf dem sehr guten Camping "Club Sahara" nordöstlich von Tozeur legen wir noch einen Abstecher nach Gabes ein, um über den örtlichen Markt zu schlendern. Auf dem Weg zurück nach Tunis freuen wir uns dann noch über den neuen Camping "Ideal", der einen Kilometer westlich der Autobahnausfahrt "Hammamet-Süd" eine echte Alternative zum überlaufenen und ungepflegten Platz in Nabeul darstellt. Abgesehen von einer kleinen Stadtrundfahrt, die wir noch in Tunis einlegen (ups, falsche Ausfahrt), kommen wir ohne Probleme in den Hafen. Hier erwartet uns eine grosse Überraschung. Nicht, dass wir mit der "Habib" zurückfahren müssen, das wussten wir schon. Vielmehr sind wir überrascht, unseren Isuzu Fahrer wieder zu treffen. Patrick lässt es sich nicht nehmen, den Urlaubsprofi nach dem Grund zu fragen, warum er bereits wieder in Tunis ist, sollte der Urlaub nach seinen Angaben doch zwei Wochen länger dauern. Bei seiner Antwort "wir haben schon in vier Wochen alles gesehen, was wir sehen wollten" sind wir glücklich. Wie viel Ahnung hat dieser Aufschneider schon? Ich denke, wir werden nie "alles" in der Sahara gesehen haben. Müssen uns in Zukunft mit dem Depp aber nicht mehr herumärgern. Ende |