Perth

Australien. Down Under. Endlose Weiten. Rote Erde, Blauer Himmel. Kängurus und Koalas. Ein Reiseziel von dem wohl jeder Fernweh-Kranke träumt. Auch für uns ist Australien ein Traumziel. 19 Millionen Einwohner auf einer Fläche, die grösser ist als Gesamteuropa. Das hört sich ganz nach unseren Traumvorstellungen eines Reisziels an, lernten wir doch insbesondere die Einsamkeit und Abgeschiedenheit der Wüste bei unseren Saharatouren zu schätzen. Innerhalb Australiens bietet sich uns dabei Westaustralien (WA) als die Reisedestination schlechthin an. In der westlichen Hälfte des roten Kontinents leben gerade einmal 1.8 Millionen Menschen. Davon hocken zudem 1.6 Millionen im Grossraum Perth. Broome, die grösste Stadt im Norden von WA zählt kaum 14'000 Einwohner. Der Rest ist verstreut auf einige Minenstädte im Hinterland, riesige Farmen und einige Küstendörfer. Rein rechnerisch lebt weniger als ein Mensch auf jedem Quadratkilometer roter Erde. Einsamkeit pur. Da wollen wir hin.

Ironie einer jeden Australienreise ist, dass der grossen Einsamkeit zunächst die drangvolle Enge bei der Anreise vorangestellt ist. Zusammengepfercht in der Aluminiumröhre sehnen auch wir uns 17 Stunden lang nach voller Beinfreiheit und Platz zum Atmen. Insbesondere Joly hat ein schwere Los gezogen. Neben ihr ist ein zweibeiniges Walross gestrandet, das bei jedem Atemzug mit den fetten Oberarmen aus der Sitzschale herausquillt. Der Stopover in Dubai erweist sich da als wahre Erlösung. Etwas ziellos laufen wir 2 Stunden durch den unglaublichen Konsumtempel, bevor uns Emirates Airline in einer 777 mit etwas mehr Beinfreiheit nach Perth weiterspeditiert.

Der Flughafen in Perth empfängt uns mit durchorganisierten Einreisekontrollen und sauber blitzenden Fluren. Schon der erste Blick durch die Empfangshalle gibt einen guten Eindruck, was den Reisenden in Australien erwartet. Australische Freundlichkeit gepaart mit englischer Korrektheit. Und: Verbotsschilder. In der Menge wie Hinweisschilder mit den polizeilichen "do's" und "don'ts" an den Wänden hängen, erwächst in uns der Eindruck, dass die Schilder anscheinend irgendwo kostenlos gedruckt werden. Zumindest sind wir so im Bilde, dass rauchen, telefonieren und fotografieren im Abfertigungsbereich verboten sind und Zuwiderhandlungen 1'000 australische Dollar kosten.

Nach der Passkontrolle müssen wir noch durch den Zoll für die Einreise. Der ist in Australien aber nicht nach "zollfrei" und "zollpflicht" unterteilt sondern hier gilt "freie Einreise" oder "Quarantäne". Meinem Starrsinn ist es zu verdanken, dass wir uns an der langen Schlange zur zweitgenannten Kontrolle anstellen dürfen. Anscheinend bringt jeder Australier aus dem Urlaub irgendetwas mit, das zunächst in Quarantäne muss. Wir sehen Tierfelle, Holzstühle und sogar ganze Wandschränke. Und wir stehen hier nur wegen einem Glas Nutella! Allzu lange müssen wir jedoch nicht warten, dann schickt uns eine freundliche Zöllnerin lachend weiter zur freien Einreise. "Das Zeug gibt es hier auch überall zu kaufen. Bloss mag es keiner..."

Schnell sitzen wir in einem Taxi zum Stadtzentrum. Unser Fahrer stammt aus Uruguay und ist ein gesprächiger Typ. So erfahren wir schnell von den Gefahren des Grossstadtdschungels. An jeder Kreuzung Rotlichtkästen und viele mobile Radarfallen. Thema eines jeden australischen Autofahrers scheint zu sein, wie viele Punkte er noch hat. Richtig gelesen. In Australien wird jeder Fahrer mit Erwerb des Führerscheins mit 12 Guthabenpunkten ausgestattet. Sind die aufgebraucht, ist der Führerschein weg. Dabei gilt für jedes Vergehen eine Verjährungsfrist von 3 Jahren. Empfindliche Geldstrafen und das Punktesystem scheinen aber zu wirken, gesittet und wohlgeordnet strömt der Verkehr in Richtung Zentrum.

Das Hotel IBIS in Perth ist ein gesichtsloses Mittelklasse Hotel, aber genau richtig für unsere Erfordernisse. Die Zimmer sind gut und die Aussicht über die Stadt beeindruckend. Lediglich die laute Klimaanlage im Haus und der wenig gedämmte Strassenlärm trüben den Eindruck. Zum Abendessen finden wir uns in einer belgischen Bierkneipe auf der anderen Strassenseite ein. Das Essen ist vorzüglich und der Kellner platzt fast vor Freundlichkeit. Nachdem wir am nächsten Morgen bei Miss Maud ein schwedisches Frühstück zu uns nehmen, stellen sich uns allerdings erste Fragen, was denn bitte schön ein richtiger Australier ist und wo die sich verstecken.

Nachdem wir den ersten Tag in Australien mit Steve und Sally (unsere Reisebegleiter vom 96ger Kongoabenteuer) und ihrem Sohn Archa verbracht haben, befördert uns am Dienstag Morgen ein pakistanischer Taxifahrer in den Vorort Bassendean, wo wir unseren Mietwagen abholen wollen. Nachdem unser Fahrer ein Rotlicht überfahren hat, den Blinker erst nicht setzt und danach nicht mehr abstellt, bin ich nicht recht sicher, dass der eigenartige Geruch im Taxi von seinen Alkoholausdünstungen kommt. Auch eine Möglichkeit, die Vorfreude auf den eigenen Wagen zu steigern...

Ralf, der Vertreter von TCC (Travel Car Center), begrüsst und freundlich und führt uns zum Landcruiser, der uns in den nächsten 6 Wochen ein Heim sein soll. Der Wagen steht in einer blitzeblank aufgeräumten Halle und wurde von Ralf bestens präpariert. Obwohl der Wagen ein 2001er Baujahr und gerade 93'000 km auf dem Tacho hat, sind die (Miss-)brauchsspuren vorheriger Mieter aber nicht zu übersehen. Insbesondere im Türbereich und am Heck zeugen starke Dellen von ruppigen Bodenkontakten des Chassis. Ansonsten ist der Wagen aber in sehr gutem Zustand und zudem voll ausgerüstet. Neben der Küchenausrüstung (mit Steingutgeschirr), Tisch und Stühlen ist vor allem die umfangreiche Werkzeug- und Bergungsmaterialausstattung erfreulich. Nur was wir mit der elektrischen Winde anfangen sollen, wissen wir noch nicht. Aber abenteuerlich sieht es allemal aus.

Nachdem uns Ralf eingewiesen hat (so viel musste er da natürlich nicht erklären), haue ich erst einmal mit der rechten Hand in die Fahrertüre und suche dann mit der linken Hand ungewohnt nach dem Schaltknüppel, bevor es losgehen kann. Etwas unsicher biege ich in den Linksverkehr, fühle mich bald aber schon heimisch auf der "falschen" Seite zu fahren (nur die umgekehrte Anordnung von Blinker und Scheibenwischer habe ich nie so recht in den Griff bekommen).

Unser Ziel ist als erstes ein grosser Supermarkt, bei dem wir einen Grundstock an Vorräten für die gesamte Reisedauer einkaufen. Ausserhalb von Perth dürften das Angebot geringer und die Preise höher sein, denken wir uns. Nach einem Marathoneinkauf von 2 Stunden stehen wir geschafft an der Kasse und verursachen bei der Kassiererin fast einen Herzinfarkt. Aber es ist wohl nicht so üblich hier, dass jemand mit 2 randvoll gefüllten Einkaufswagen aufkreuzt. Die meisten Kunden bescheiden sich mit einer Handvoll Waren. Bei Öffnungszeiten von frühmorgens bis tief in die Nacht, 7 Tage die Woche, leuchtet es ein, warum die Menschen in der Stadt Lebensmittel nicht auf Vorrat kaufen. Ausserdem lassen sich so die hohen Kreditzinsen vermeiden. Wir sind die einzigen Kunden, die bar zahlen, die Einheimischen begleichen alle Summen über 10 Dollar mit Plastikgeld.

Nachdem wir notdürftig den Inhalt der beiden Einkaufswagen in den beschränkten Fächern des Toyota untergebracht haben, geht es endlich auf grosse Fahrt. Nur mit einem notdürftigen Stadtplan bestückt orientieren wir uns am Sonnenstand um Perth nach Norden zu verlassen.

Es dauert eine ganze zeit, bis wir in den weitläufigen Vorstädten der Millionenstadt merken, dass wir irgendwie auf dem Holzweg sind. Zwar befinden wir uns auf den richtigen Fernstrasse, aber die Richtung ist nach dem überqueren des Swan River eindeutig falsch. Erst als mir im wahrsten Sinne des Wortes ein Licht aufgeht, dass die Mittagssonne ja gar nicht im Süden sondern im Norden steht, ergeben Landkarte und Fahrtrichtung einen Sinn.

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