Pinnacles

Nach 130 Kilometern erreichen wir erschöpft für den Tag den kleinen Ort Lancelin. Auch dem örtlichen Camping treffen wir auch den - aus unserer Sicht - ersten echten Australier. Der Campingwart entspricht allen unseren Erwartungen. Bierbefüllt, mit rotem, pockennarbigen Gesicht und ausuferndem Bauchumfang führt er uns auf dem kleinen, etwas heruntergekommenen Platz herum. In unendlich zerdehnten und vernuschelten Worten erklärt er uns die Anlage. Verstehen können wir leider nichts, aber die Szenerie spricht ja für sich selbst. Wollen wir nur hoffen, dass nicht alle australischen Campingplätze als Wohnstadt der sozial Schwachen und Alkoholabhängigen dienen.

Zu unserem Verdruss warnt uns der Campingwart, von Lancelin aus weiter nach Norden die Küste entlang zu fahren. Das war genau unser Plan, denn hier liegen wunderbare weisse Sanddünen und eine traumhafte Piste soll den Strand entlang bis zum Nambung National Park führen. "Die Amis liegen mit zwei Flugzeugträgern vor der Küste und bombardieren die Region zur Übung." Dass die Flugzeugträger tatsächlich da sind, hörten wir schon am Vortag in Perth, wo der Anzac Day (Erinnerung an Kriegshelden) gefeiert wurde. Und auf dem Weg nach Norden für die Piste tatsächlich an einem militärischen Sperrgebiet vorbei, dass laut Reiseführer aber nur noch selten genutzt werden soll. Für uns ist es aber eh unverständlich, warum sich in einem so grossen und streckenweise öden Land wie Australien kein besserer Platz findet, die Natur mit Bomben kaputt zu schmeissen. Aber das sieht man in Australien etwas gelassener, wie ein ausgiebiger Blick auf die Landkarte belegt. Gerade Nationalparks scheinen militärische Sperrgebiete geradezu magnetisch anzuziehen.

Die Nacht verläuft ruhig und ohne das erwartete TNT-Gewitter. Zu unser freudigen Überraschung ist der Weg gemäss der Beschilderung am Eingang zum Sperrgebiet zur Durchreise offen. Dank einer handgezeichneten Karte, die wir an der einzigen Tankstelle in Lancelin erhalten hatten, finden wir eine passable Piste nach Norden und erreichen nach rund 20 Kilometern den kleinen Ort Wedge. Abschnitten von der Umwelt fristen hier einige Späthippies und Surferfreaks ihr Dasein. Der Ort aus Wellblechhütten und gesammeltem Strandgut erscheint uns nicht gerade als Aussteigerparadies.

Wir erklimmen mit dem Toyota eine grosse, schneeweisse Düne und rasten zunächst für die Mittagszeit. Dank eines guten Gezeitenkalenders aus dem Internet warten wir den Nachmittag und die einsetzende Ebbe ab, bevor wir uns auf den Strande wagen. Denn wir wollen weder den Wagen als ganzes riskieren, noch mit Salzwasser in Berührung kommen. Auch jede noch so kleine Fahrt durch die Gischt hinterlässt hässliche Salzflecken am Wagen, die weder wir noch der Vermieter gerne haben. So dankbar wir für die freie Streckenwahl bei unserem Vermieter sind (die grossen Autoverleiher wie Britz, Kea etc. legen einem erhebliche Restriktionen auf, dass man sich fragen muss, warum man überhaupt eine Allradfahrzeug mieten soll), so sehr wollen wir den Wagen auch schonen und nicht anders behandeln als unseren eigenen daheim.

Gegen halb drei gehen wir auf die Standpiste und erfreuen uns der Fahrt zwischen den Elementen. Ein Loch in der Dünenwand nutzen wir für eine weitere ausgiebige Pause und einen Spaziergang am Strand entlang. Leider dauert das Fahrvergnügen nicht sehr lange. Bereits nach 7 Kilometern müssen wir den Strand wieder verlassen. Es ist fast Vollmond und die Ebbe nur schwach ausgeprägt. So durch das Wasser fräsen wie die jungen Leute, die uns in ihren schicken Eiscafé-Offroadern überholen, wollen wir nicht. "Wenn die wüssten, wie wunderbar ihre Chromkarossen nach dem Bad anfangen werden zu rosten." Wir verabschieden uns vom Strand und wählen wieder eine Piste durch das Hinterland. Dabei geht es recht eng zu und wir müssen die Spiegel einklappen, um nicht an dem dichten Gebüsch hängen zu bleiben. Nur noch langsam hoppeln wir durch die Gegend und hoffen, auf keinen Gegenverkehr zu treffen. Ausweichmöglichkeiten gibt es oft für einige Kilometer keine.

Langsam drängt die Zeit. Die Sonne senkt sich bereits bedrohlich zum Horizont und unser Plan die berühmten Pinnacles im Nambung N.P. im Abendlicht zu besuchen, droht zu platzen. Aber beeilen können wir uns auf dieser Piste nicht.

Das Kassenhäuschen am Parkeingang ist bereits verlassen, als wir den Nambung N.P. Erreichen. Dennoch bleiben uns einige Minuten, die bizarren Pinnacles im warmen Abendlicht zu bestaunen. Wie Termitenhügel wachsen die bis zu 4 Meter hohen Kalksteine in den unterschiedlichsten Formen aus dem Boden. Dabei ist die Entstehungsgeschichte der Pinnacles geradezu umgekehrt. Durch einsickerndes Wasser im Boden gebildet, werden sie erst sichtbar, wenn die umliegende Erde von der Erosion weggeschafft wurde. Frenetisch verknipse ich bis zum Sonnenuntergang zwei Filme und freue mich wie ein kleines Kind über jede Perspektive, jeden Schatten und jede noch so ungewöhnliche Form der Steine.

Erst in der Dunkelheit erreichen wir Cervantes, wo wir auf dem Campingplatz übernachten wollen. Beim aufpumpen der Reifen an der Tankstelle stelle ich fest, dass eine der Ventilkappen aufgeplatzt ist. So frage ich an der Kasse nach, ob sie Ersatz hätten. Der knurrige Tankwart kramt in diversen Schubladen, bis eine neue Kappe zum Vorschein kommt. Auf meine höfliche Frage, was die kappe den kosten solle, kommt eine echt australische Antwort. Bemüht, witzig zu sein, krächzt mir mein Gegenüber entgegen: "1 Million Dollars. But for you it's for free."

Kurz vor Toresschluss können wir uns noch auf dem Campingplatz einmieten und suchen auf dem dunklen Gelände nach dem uns zugewiesenen Standplatz. Der Platz E17 sollte eigentlich für uns sein, ist aber zu einem grossen Teil vom Nachbar mitbelegt. Ach, was soll es, denken wir uns. Mit dem schmalen Wagen ist für uns noch alle mal Platz. Kaum beginne ich, auf dem Platz einzuparken, kommt der Bewohner des naheliegenden Wohnwagens wie von der Tarantel gestochen auf uns zu und lässt unwirsch eine Schimpfkannonade über uns ergehen, was wir uns erlauben würden, auf seinem (!) Platz zu parken. Unsere leise Anmerkung, dass uns die Rezeption den Platz zugewiesen hätte, geht in den nächsten Beschimpfungen unter. Wir sind etwas geschockt und treten den Rückzug zur Rezeption an, wo wir kommentarlos einen anderen Platz zugewiesen bekommen.

Ziemlich irritiert suchen wir den neuen Platz, der zum Glück eindeutig unbewohnt ist und richten uns ein. Sollten die Australier doch nicht ganz so nett sein, wie wir bislang den Eindruck hatten? Dass insbesondere nach übermässigem Bierkonsum einige Aggressivitäten frei gesetzt werden können, war uns bekannt. Aber so etwas? Noch während ich grüble, kommt der grobschlächtige Mittfünfziger erneut auf mich zu. Während ich mich schon nach Deckung umsehe, fragt er etwas kleinlauter, ob ich der Kerl wäre, den er eben angefahren hätte. Nachdem ich das bejahe, entschuldigt er sich ganz höflich für seine vorherigen Ausfälle (am Abend zuvor hatte die Rezeption bereits den gleichen Fehler gemacht und seinen Platz erneut vergeben) und wünscht uns noch eine schöne Reise in seinem Land. Nun bin ich ganz verdattert. Mit diesem (verbalen) Schlag wirken alle Australier auf einmal wieder viel sympathischer.

Dass Australien kein Reiseziel für Langschläfer ist, zeigt sich spätestens am nächsten Morgen. Bereits um halb sechs holt uns der Wecker aus den Federn. In einer Stunde ist Sonnenaufgang und da wollen wir an den Pinnacles sein und das weiche Licht des Morgens zu erleben. Zu unserem Erstaunen strahlen die Kalksteine im Morgenlicht in gelben, orangen und beigen Töne vor dem klaren, blauen Himmel des jungen Tages nochmals kraftvoller als am Vorabend. Zudem können wir auf unsere netzbewehrte Kopfbedeckung verzichten, da den unzähligen Fliegen das Fliegen am morgen wohl noch zu kalt ist. Das gleiche gilt auch für die Touristengruppen. - Nur, dass die natürlich nicht eingeflogen werden, sondern busweise heran gekarrt werden.

Insbesondere die Abstecher zu Fuss weiter weg von der kleinen Ringstrasse, die durch den Park führt, gefallen uns sehr gut. An Stellen wo nicht alles mit Fussabdrücken übersät ist kommen leise Entdeckergefühle auf, finden sich Motive und Perspektiven, die uns immer neu überraschen. Mit dem eintreffen der ersten Tourgruppe halten wir auf den Parkausgang zu. Dort erstehen wir auch noch das einmonatige Eintrittspermit für alle Nationalpark in Westaustralien, das mit AUD 22,50 pro Fahrzeug geradezu spottbillig ist.

Durch karge Farm- und Küstenregionen fahren wir weiter nach Norden. Ein heftiger Sturm tobt über das ausgetrocknete Land, doch zeigt sich am Himmel nicht die kleinste Spur einer Wolke. Von Horizont zu Horizont blinkt und blitzt das Firmament in Neon blau. Nach einem kurzen Einkauf in Jurien legen wir den 5. Gang ein und lernen, Australien zu erfahren. Die gut 200 Kilometer bis Geraldton (einer "echten" Stadt) sind in 2 Stunden bewältigt. Ausserhalb der Ortschaft ist Verkehr auf der Strasse quasi nicht existent, so dass sich das Autofahren auf den teils schnurgeraden Strassen darauf beschränkt, auf der linken Fahrbahnseite zu bleiben, die Böschung nach Kängurus abzusuchen und die Uhr zu beobachten, wie die Zeit verrinnt. Den Kilometerzähler des Wagens braucht man nicht mehr zu beachten. 100 Kilometer sind einer Stunde.

Hinter Geraldton halten wir erneut auf die Küste zu und suchen den Kalbarri N.P. auf. Leider gibt es in dem Park selbst keine Campingmöglichkeit. So müssen wir auf einen kommerziellen Camping in Red Bluff ausweichen. Wie wir später erfahren, haben einige Nationalparks ihre Campsites mangels Nachfrage geschlossen. Die Australier - Offroad-, Angel- und Naturverrückt wie sie sind - bevorzugen doch lieber den Komfort eines kommerziellen Platzes mit Stromanschluss, fliessend Wasser und Sanitäranlagen. Dass dabei das Erlebnis Natur weitgehend verloren geht, fällt Menschen, die in einer solchen Umgebung, die nur aus Natur pur besteht, gar nicht auf. So sind wir anscheinend die einzigen, die der ununterbrochene Lärm des Kühlaggregats des Campingrestaurants stört.

Der Kalbarri N.P. ist regelrecht zweigeteilt. Neben beeindruckenden Aussichtspunkten an der Steilküste lockt die wilde Schlucht des Murchinson River, der das weiche Gestein des Umlandes tief eingeschnitten hat. An der Steilküste haben wir leider keine echte Freude. Angriffslustig und todesverachtend stürzen sich ganze Heerscharen von Fliegen auf uns. Obwohl wir uns unter unseren Kopfnetzen verschanzen, zerrt das penetrante Gebrumme der Plagegeister und die von der dunklen Leiberwolke eingeschränkte Aussicht an unseren Nerven. Abwehrmassnahmen wie das ungezielte zusammenklatschen der Hände über dem Kopf (Trefferquote 5 bis 10 Brummer) gibt einem zwar die Befriedigung, sich irgendwie gewehrt zu haben. Weniger Fliegen werden es deswegen jedoch nicht. Wir flüchten zurück ins Auto und kämpfen dort noch einige Zeit weiter, bis wir die Lufthoheit zurück erlangt haben.

Am Natures Window, einem kleinen Natursteinbogen, der den Einstieg in die Schlucht des Murchinson River markiert, sind die Verhältnisse zum Glück etwas besser. Im Schatten, bei etwas Durchzug können wir sogar die Netze vom Kopf nehmen und die grossartige Natur ohne Maschen vor der Nase geniessen. Zum wandern sind wir dann aber für den Fliegenschutzwall wieder sehr dankbar. Anstatt pausenlos hilflos mit den Armen um den Kopf zu fuchteln, können wir in den Canyon absteigen und etwas am Fluss entlang spazieren. Krokodile gibt es hier keine. Die kommen erst ab Broome im hohen Norden. Dafür fallen uns etliche Papageienarten in den Eukalyptusbäumen auf. Ihr farbiges Gefieder steht in nahezu unwirklichem Kontrast zur weissen, plastikartigen Rinde der Bäume.

Zurück zur Hauptstrasse müssen wir den Wagen wieder 20 Kilometer über bösestes Wellblech treiben. In den australischen Nationalparks wird anscheinend nicht nur die Natur konserviert sondern anscheinend auch der berüchtigt schlechte Zustand der Pisten. Kurz vor der Asphaltstrasse übertönt dann ein metallisch dumpfes knacken all die anderen Surr-, Klirr- und Klappergeräusche des Wagen. "Das hört sich aber gar nicht gut an" kann ich gerade noch zu Joly sagen und merke dann schon ein eigenartiges Pumpen in der Bremse. Auf dem Asphalt (bei geradezu studiohafter Geräuschlosigkeit) können wir das einzig verbliebene Geräusch klar der Hinterachse auf der Beifahrerseite zuordnen.

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