Pilbara

Erstmals zweigen wir von der Küste ab und steuern die Hamersley Range in der Pilbara Region an. Auch wenn die Fahrt durch zunehmend grünere und abwechslungsreichere Landschaft führt, zehren die zurückzulegenden 700 Kilometer etwas an unseren Kräften. Zumal wir zum Abend in der Minenstadt Tom Price noch einiges erledigen müssen. Der nur wenige tausend Einwohner zählende Ort, der das Zentrum des westaustralischen Eisenerzabbaus bildet, überrascht uns mit schön angelegten (bewässerte) Gartenanlagen und guter Infrastruktur. Während Joly den örtlichen Supermarkt durchstöbert (gutes Angebot, sehr tiefe, evtl. von der Minengesellschaft subventionierte Preise), beantrage ich beim örtlichen Fremdenverkehrsbüro eine Fahrgenehmigung für die Versorgungspiste entlang der Eisenbahnstrecke von Tom Price zum Hafen von Dampier. Die Piste gehört den Minengesellschaften und dient dem Unterhalt der Eisenbahnstrecke, auf der die mit 3.5 Kilometer zählenden, grössten Eisenbahnzüge der Welt im Stundentakt Eisenerz aus den Pilbara Bergen auf den Weltmarkt befördern.

Für die Erteilung der Fahrgenehmigung muss ich mir zuvor ein 20-minütiges Video anschauen und hinterher schriftlich bestätigen, dass ich alle Verhaltensregeln begriffen habe und zudem auf jegliche Haftungsansprüche gegenüber der Minengesellschaft verzichte, falls uns eine Muldenkipper, Schwertransport oder die Eisenbahn selber von der Piste räumen sollten. Das Video dehnt die drei Kernaussagen (maximal 80 km/h, immer mit Licht fahren und keine rote Bekleidung - könnte von Eisenbahnführern als Notsignal missverstanden werden) in unglaubliche Länge und erzählt mir ausserdem, dass ich ein viel besserer Autofahrer bin, wenn ich keinen Alkohol trinke, keine Drogen nehme, nicht übermüdet fahre, immer zwei Ersatzreifen, viel, viel Wasser und und und dabei habe.

Nahezu eingeschläfert unterschreibe ich den Haftungsausschluss und erhalte postwendend die Genehmigung zur Fahrt. Mittlerweile hat auch Joly ihre Einkäufe erledigt und im Wagen verstaut, sodass wir kurz vor Sonnenuntergang die letzten 100 Kilometer zum Karijini N.P. in Angriff nehmen können. Zunächst sanft, dann immer schroffer erhebt sich die Hamersley Range vor uns. Der sintflutartige Regen, der erst 4 Wochen zuvor mit einem Tropensturm über der Region niedergegangen war, hat die Halbwüste zu Leben erweckt. Das sanfte Abendlicht überzieht die üppig grüne Landschaft mit einem eigenartigen Zauber, sodass wir vor lauter Fotostopps erst nach Einbruch der Dunkelheit das Campsite an den Fortescue Falls erreichen.

Dank dem Hinweis unserer Campingnachbarn packen wir am nächsten Morgen nicht nur die Wanderschuhe, den Rucksack und die Fotoausrüstung sondern auch unsere Badesachen ein. So unscheinbar die Landschaft im Karijini N.P. Auf den ersten Blick ist, so überwältigend ist sie, wenn man an den Rand der unzähligen kleinen Canyons tritt, die den Park durchziehen. Der Abstieg in den Dales Gorge ist unkompliziert und führt hinab zu üppiger, fast tropischer Vegetation. Sind die Fortescue Falls schon ein Augenschmaus, geraten wir vollends in Verzückung, als wir den oberhalb gelegenen Fern Pool erreichen. Während die Palmen, die den Pool umsäumen, bereits von der Morgensonne kräftig beleuchtet werden, liegt das kristallklare Wasser des nahezu runden Teiches noch im Schatten. Papageien fliegen über die Wasseroberfläche und kreischen von den Bäumen. Auf der gegenüber liegenden Seite des Wassers plätschert ein kleiner Wasserfall in den Pool. So muss das Paradies ausgesehen haben. Nach einigen obligaten Fotos stecke ich bereits in der Badehose. Das Wasser ist kühl, aber wunderbar zum schwimmen. Als ich den Wasserfall erreiche, bildet die Morgensonne einen kleinen Regenbogen in der Gischt. Nun kann auch Joly - die eigentlich immer sehr skeptisch gegenüber Wasser aller Art ist, so lange es nicht aus der Dusche kommt - nichts mehr halten. Da ich bislang von noch keinem - möglicherweise vorhandenen - Krokodile gefressen oder von einer Seeschlange vergiftet worden bin, springt auch sie in den Pool.

Erst als wir uns abgetrocknet haben und bereit für den weiteren Weg sind, kommen die nächsten Besucher an den Pool. Schöner hätten wir es nicht treffen können. Auch bei der folgenden, teils atemberaubend schönen Wanderung durch den Dales Gorge, der gleichsam mit seinem dichten Bewuchs, den hohen, farbigen Felswänden und seiner Tierwelt (richtig fette Spinnen) besticht, sind wir zumeist alleine. Das ändert sich erst, als wir den Circular Pool am Ende der Schlucht erreichen. Hier sammeln sich vor allem die geführten Touren, doch etwas abseits finden wir auch einen schönen Platz, an dem wir bis zum Nachmittag bleiben. Das Wasser des Circular Pool, der direkt unterhalb rund 60 Meter senkrecht aufragender Felswände liegt, ist zwar deutlich kälter als das des Fern Pool. Doch man kann jederzeit den Pool verlassen und sich unter aus dem Fels tropfendem Wasser "duschen", das von der Sonne auf angenehme Temperaturen aufgeheizt wurde.

Nach dem ersten "autofreien" Ferientag erkunden wir die weiteren Gorges des Karijini N.P. Von diversen Aussichtspunkten haben wir überwältigende Ausblicke in den Kalamina Gorge und den Knox Gorge. Unerreicht ist jedoch der Weano Kookout, von dem man gleichzeitig in die drei Gorges Joffre, Hancock und Weano blicken kann. Der Faszination der tiefroten, steilen Felswände ist insbesondere im Zusammenspiel mit den Schatten der tiefstehenden Nachmittagssonne besonders ausgeprägt.

Überrascht stellen wir fest, dass vom Savannah Campground, welches wir heute ansteuern, ein Fussweg hinab zu den Joffre Falls führt. Hatten wir uns am Morgen am Aussichtspunkt noch gewundert, woher die Menschen tief unten in der Schlucht kommen, wagen auch wir den teils abenteuerlichen Abstieg. Über Felskanten hinab, auf schmalen Vorsprüngen balancierend erreichen wir den Talboden, der bereits im Schatten liegt. Entlang des kleinen Flusses dringen wir durch eine Felsspalte bis zum Fuss der Joffre Falls vor. Einem Amphitheater gleich erheben sich die dunkelrotleuchtenden Felswände im Kreis um uns herum. Auf der Südseite stürzen die Wasser des Joffre auf breiter Front in einen kleinen Pool, wo schwimmen jedoch nicht unbedingt angesagt ist. Am Eingang zur Schlucht warnt ein brandneues Schild vor der Sichtung einer Python im Pool. Wir verzichten gerne auf ein Bad und nutzen statt dessen die originelle Buschdusche des Campingplatzes.

Auch der Abstecher zum abgelegenen Hamersley Gorge am folgenden Morgen verwöhnt uns mit atemberaubender Naturkulisse. Insbesondere die kleinen ausgewaschenen Steinbecken am Ende des höchstgelegenen Pools erscheinen uns wie ein in den Naturstein geschliffenes Badezimmer. Wer hätte gedacht, dass wir ausgerechnet auf dem trockensten aller Kontinente so viel baden würden?

Auf dem Weg zurück zum Wagen treffen wir dann die ersten Reisenden, die über Land nach Australien gekommen sind. Ihr Weg via Indien und Südostasien lässt sich auf www.overlander.ch verfolgen. Nach einem gemütlichen Schwätzchen setzen wir unsere Fahrt vor und halten zunächst auf den Aussichtspunkt am Mt. Sheila zu, der aus unserer Karte heraussticht.

Einst der Standpunkt einer Telegrafenstation überragt der Mt. Sheila das umliegende Land um gut 400 Meter. Die 12 Km lange Anfahrt von der Hauptstrasse führt jedoch fast 11 Km eben um den Berg herum, nur um am Ende in ein schmales Teerband zu münden das den Berg ohne umständliche Kurven auf direktem Wege erklimmt. Der Anstieg ist im letzten drittel so steil, dass wir nur noch im 1. Gang des Untersetzungsgetriebes vorankommen. "Die spinnen die Australier." Die Aussicht über das Umland bis hinein in die Hamersley Range entschädigt aber bei weitem für die Qualen des Motors. Unbeeindruckt vom stürmischen Wind, der den Berggipfel umgibt verbleiben wir eine ganze Weile und vertilgen einen der vorzüglichen 1 kg Joghurts aus dem Kühlschrank zum Mittagessen.

Die Fahrt auf der Versorgungspiste entlang der Mineneisenbahn ist unspektakulär und dank der aufwändigen Strassenpflege durch die Minengesellschaft sehr angenehm. Zu meiner besonderen Freude kreuzt einer der gewaltigen Erzzüge unseren Weg. Von zwei mächtigen Diesellokomotiven gezogen rattern unzählige leere Erzwagons mit ohrenbetäubendem Lärm an uns vorbei. Ein unglaubliches Spektakel, dass uns wie benommen zurück lässt, als auch der letzte Wagon längst an uns vorbei ist.

Nach kaum 200 Kilometern erreichen wir den Millstream Chichester N.P. in der nördlichen Pilbara Region. Noch vor kaum 2 Wochen aufgrund von Überschwemmungen für die Öffentlichkeit gesperrt, sind wir nahezu alleine auf dem kleinen Campground. Nicht einmal ein Ranger lässt sich blicken, um wie am Eingang angekündigt die Campinggebühren einzukassieren. Im Gegensatz zum Karijini N.P. ist das Umfeld des Millstream Chichester N.P. völlig eben. Der Deep Reach Pool, an der der Campground gelegen ist, dafür aber von weitläufigem Ausmass und - wie der Name schon sagt - beträchtlicher Tiefe. Trotz des von Schwebeteilchen getrübten Wassers wagen wir den Sprung in das kühlende Nass. Fest darauf vertrauend, dass Risiken mit Krokodilen in den mit Schilderwäldern bestandenen Nationalparks sicherlich ausgewiesen wären. Etwas mulmig ist es einem im Wasser dann aber schon, sodass der Badegang recht kurz ausfällt.

Erschien uns der Millstream auf den ersten Eindruck - noch unter dem Eindruck der Karijini N.P. - als etwas "langweilig", entfaltet der Park in der Abendstimmung seinen ganz eigenen Zauber. Während sich Sonne und verfärbter Himmel im Wasser spiegeln, bevölkern unzählige Vogelarten die Bäume um den See und stellen ihre Pracht zur Schau. Erst lange nach Einbruch der Dunkelheit beruhigt sich das aufgeregt Geschnattere. Dann durchbrechen die Geräusche der Nachttiere die Stille der Dunkelheit. Insbesondere der mächtige Flügelschlag der Flying Foxes (Riesenfledermäuse) ist eine Erfahrung der besonderen Art.

Die Strecke zur 80 Mile Beach, auf halbem Weg zwischen Port Hedland und Broome, sieht in unserem Strassenatlas recht harmlos aus. Kaum 12 Zentimeter trennen unseren Übernachtungsplatz von unserem heutigen Ziel. Das täuscht jedoch kräftig, bezieht sich die Entfernungsangabe doch auf einen Massstab 1:4 Mio. Das sind die Tücken eines Strassenatlas, der auf jeder Seite einen anderen Massstab anwendet, um auf 118 Seiten dem riesigen Kontinent gerecht zu werden. Dementsprechend kaufen wir auch immer wieder einige Hema-Strassenkarten, aus deren Details wertvolle Informationen abzulesen sind.

Nach einer kurzen Rundfahrt über den Snappy Gum Drive (was auch immer das heissen soll) am Morgen erfreuen wir uns an der vielfältigen Landschaft im Tagesverlauf und dem ebenfalls traumhaft gelegenen Python Pool, wo wir uns ein Bad (man beachte den Namen!) aber verkneifen.

Auf dem Weg nach Port Hedland teilt sich erstmal der bislang lupenrein blaue Himmel und dicke Gewitterwolken ziehen vor uns über das Land. Gerade noch rechtzeitig erreichen wir wieder die Nationalstrasse 1 und ändern die Richtung nach Norden und fahren dem schlechten Wetter davon. Port Hedland bietet (obwohl auch nur von 15'000 Menschen bewohnt) gute Versorgungsmöglichkeiten und zivile Preise. Lediglich die Frischprodukte erreichen aufgrund der Transportkosten indiskutable Höhen. Mit Blick auf die tropischen Temperaturen und der extrem hohen Luftfeuchtigkeit, die erahnen lässt, dass wir die Gewitterfront nicht abschütteln konnten, ziehen wir uns zum Essen in den "Red Rooster" zurück. Eine australientypische Fast Food Kette, die sich jedoch bei Produktauswahl- und Qualität von den amerikanischen Anbietern nur unwesentlich unterscheidet. Zumindest haben wir einen Sitzplatz in einem kühlfachähnlich temperierten Raum und zerfliessen nicht im freien. Erstmals kommt auch die Klimaanlage im Wagen zum Einsatz. Ein Luxus, auf den wir zu Hause verzichten müssen, dessen Erwarb aber vielleicht gar nicht so falsch gewesen wäre.

Kurz nach Sonnenuntergang erreichen wir den hervorragend gestalteten Camping an der 80 Mile Beach (abgesehen vom knatternden Stromgenerator, der sich natürlich wieder mitten auf dem Platz befindet). Im kleinen Lädchen gibt es allerhand zu kaufen, so dass unser Abendessen heute zugunsten eines grossen Eiscornet ausfällt. Nachdem wir per Internet unsere Post zu Hause kontrolliert haben, können wir am nächsten Morgen sogar noch das Gas für unseren Kocher auffüllen. Die abgelegenen Campingplätze in Australien (als naheste Städte liegen Port Hedland im Süden 300 Kilometer und Broome im Norden 350 Kilometer entfernt) funktionieren wie kleine Ortschaften.

Nach einem frühen Spaziergang über den unendlich scheinenden Strand (ist nicht nur 80 Meilen lang, sondern bei Ebbe auch rund 250 Meter breit), bei dem wir etliche farbige Muscheln auflesen, begeben wir uns auf die Fahrt nach Broome. Die Nationalstrasse 1 führt durch weitläufige Ebenen, deren Monotonie nicht gerade die Wachsamkeit des Fahrers begünstigt. Kilometer lang aufgereihte Überflutungsmassstäbe zeigen an, dass zur Regenzeit (Monsun aus Asien) hier ganze Landstriche unter Wasser stehen und Broome von Süden her nicht erreichbar ist.

Nach der reizlosen Landschaft gefällt uns Broome mit seinen properen Häusern im Kolonialstil sehr gut. Trotz der tropischen Schwüle schauen wir uns etwas in der Stadt um und landen schliesslich in einem Einkaufszentrum, das keine Wünsche offen lässt. Auch der Campingplatz in der Stadt gefällt uns ausserordentlich gut, zumal wir in der 1. Reihe am Meer stehen und den Blick aufs Meer geniessen können.

 

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